Chronik in Text und Bild

KIRCHE IM HOF - GEMEINDE FÜR MENSCHEN

100 Jahre illustrierte Geschichte der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Berlin-Charlottenburg

1898 bis 1998

Herausgeber Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Berlin-Charlottenburg K.d.ö.R. Friedenskirche Text Dr. Frank Woggon Redaktion Bernhard Schwöll Frank Spielmann Günter Spielmann Dr. Frank Woggon Gestaltung Wolfgang Wedel, Bochum Litho Asap Graphische Werk¬stätten Druck Domröse und Kreiß Auflage 750 Berlin im Oktober 1998

Vorwort

An den Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: So spricht der Heilige ... Ich kenne deine Werke, und ich habe vor dir eine Türe geöffnet, die niemand mehr schliessen kann. Du hast nur geringe Kraft, und dennoch hast du an meinem Wort festgehalten und meinen Namen nicht verleugnet. Offenbarung des Johannes, Kap. 3,7-8

Vor nicht langer Zeit war ich zum Jahresempfang der Bürgermeisterin im Charlottenburger Rathaus eingeladen. Dort wurde ein Jubiläum gefeiert und zugleich eine neue Städtepartnerschaft feierlich begonnen. Das hat mich inspiriert. Ich schlage vor, daß wir in diesem Jahr - im Jubiläumsjahr - eine Städtepartnerschaft eingehen zwischen Berlin-Charlottenburg und Philadelphia, der Stadt in der Johannesoffenbarung, und zwischen unserer Gemeinde und der Christen¬gemeinde dort. Wir können diese Partnerschaft nur in Gedanken eingehen, in unserer Phantasie, denn diese Stadt an der Straße von Sardes nach Kolossä, im Gebiet der heutigen Türkei gelegen, gibt es so nicht mehr. Es war eine eher unbedeutende und kleine Stadt, die am Rande eines breiten fruchtbaren Tales lag und wo eine ertragreiche Landwirtschaft das Einkommen der Bevöl¬kerung sicherte - wenn es keine Erdbeben gab, und die gab es recht häufig. Sie zerstörten die Stadt mehr als einmal und mehr als einmal wurde sie wieder aufgebaut, mit ihren vielen Tempeln und ihrer großen Synagoge, die es dort gab. Dagegen war die christliche Gemeinde am Ort zahlenmäßig klein und wirtschaftlich schwach. Aber in vieler Hinsicht war diese Gemein¬de dennoch vorbildlich, so daß sie nicht nur in der Offenbarung des Johannes lobend erwähnt wird, sondern auch der Bischof Ignatius von Antiochien ihr wenig später in einem Brief ein gutes Zeugnis ausstellt.

So sehr hat diese kleine Gemeinde durch die Jahrhunderte Christen beeindruckt, daß immer wieder Gruppen innerhalb der Kirche sich den Namen geborgt haben: "Philadelphia". Auch die jüngere Geschichte unserer Gemeinde weiß darum. So sollte die vorgeschlagene Städtepartnerschaft allerdings nicht verstanden werden; sondern so, daß eine Gemeinde, die Erschütterungen und Glanzzeiten kennt, von einer anderen Gemein¬de, die Erschütterungen und Glanzzeiten kennt, lernen kann. Wir können nach 100 Jahren von der Gemeinde in Philadelphia lernen, daß wir um die Zukunft der Gemeinde nicht fürchten brauchen. Die Frage nach der "Zukunftsfähigkeit" von Gemeinden unserer Benen¬nung ist auf dem diesjährigen Bundesrat der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden in Deutschland gestellt worden und wird sogar von Kommissionen behandelt. Man darf sie wohl auch stellen, wenn es dabei um die Frage nach zeitgemäßen Strukturen innerhalb von Gemeinden geht, jedoch nicht als grundsätzliche Frage nach dem Überleben der Gemeinde. Denn für letzteres trägt keine Kommission die Verantwortung und Sorge, sondern Christus selbst, der um das weiß, was seine Gemeinde ausmacht und ihr Mühe bereitet, und der Türen in die Zukunft öffnet. "Siehe, ich habe vor dir eine Türe geöffnet ...". Jetzt schon gibt es Möglichkeiten, "Reich Gottes" zu erleben. Jetzt schon tun sich vor uns Türen auf. Nur - man muß den Mut haben, hindurch zu gehen. Die folgende Gemeindegeschichte kann auch so verstanden werden, nämlich als eine Geschichte von geöffneten Türen, von wahrgenommenen und an manchen Stellen vielleicht auch von verpaßten Gelegenheiten. Und auch die Gemeindegeschichte, die man fortschreiben wird, wenn die Gaeste nach der Geburtstagsfeier zum "100jähri¬gen" abgereist sind, kann so verstanden werden - als eine Geschich¬te von sich öffnenden Türen. Wohlgemerkt: nicht die Gemeinde bricht sich mit Gewalt Türen in die Zukunft auf oder hat irgendwelche Schlüssel, welche die Zukunft öffnen. Keine evangelistischen Methoden schaffen das, keine Rezepte für moderne Gottesdienstgestaltung, kein soziales und politisches Engagement und keine einfühlsam inszenierte Anbetung. Diese Dinge mögen ihren Platz im Leben der Gemeinde haben, und sie schaffen uns vielleicht auch Zahlen aber keine Zukunft. Um Zahlen aber geht es nicht; sondern die kleine Gemeinde hat Zukunft, weil Christus die Tür in die Zukunft öffnet und den Weg weist.

Wir können weiterhin von den Christen in Philadelphia lernen, daß man in seiner Armut reicher sein kann, als man ahnt. Das Jubiläumsjahr könnte mit all den damit verbundenen Erinnerungen zu nostalgischem Schwelgen und möglicherweise auch zu pessimistischen Ausblicken führen. Sind die Glanzzeiten für diese Gemeinde nicht vorbei? Was stellen wir denn schon dar in der Hauptstadt? Eine Gemeinde auf dem zweiten Hinterhof, die seit Jahrzehnten kontinuierlich an Mitgliedern abgenommen hat. Aber da kann uns unsere Partnergemeinde in Philadelphia unterstützen. Denn von ihr können wir lernen, daß wir nicht unseren Möglichkeiten oder irgendwelchen Zahlen vertrauen, sondern dem Wort der Zukunft vertrauen, das Christus spricht. Und das ist ein lebendiges Wort und ein Wort, das lebendig macht, wo die Kraft klein ist oder nachläßt. "Du hast nur geringe Kraft, und hast doch an meinem Wort festgehalten ...". Klein an Zahl und finanziell schwach wäre es verständlich gewesen, wenn die Gemeinde in Philadelphia gesagt hätte: Die Welt ist groß und wir sind klein; darum hat es keine Bedeutung, was wir tun oder lassen. Man kann aus Angst oder Pessimismus offene Türen ignorieren oder zuschlagen. Aber die Gemeinde in Philadelphia ist dem Wort Jesu treu geblieben, dem Wort, das in die Zukunft weist und zu den Menschen. Durch sie können wir ermutigt werden, am Wort der Zusage Christi festzuhalten. Unsere "kleine Kraft" steht unter einer großen Verheißung. Und unser Glaube lebt vom Gehorsam gegenüber dieser Zusage. Unsere Gemeinde lebt nicht von unseren Erwartungen her, sondern vom Auftrag, von der Zusage und von der Erwartung Jesu Christi her. Jesus schickt seine Jünger zu Menschen, um seine Liebe weiterzugeben und ihn zu bezeugen, damit Menschen glauben.

Es lohnt sich treu zu sein und den langen Atem zu haben. Das ist etwas weiteres, was wir von den Christen in Philadelphia lernen können. Nach hundert Jahren Gemeindegeschichte darf man schon von Treue sprechen. Die Geschichte unserer Gemeinde, so wie sie auf den folgenden Seiten dargestellt wird, ist schließlich auch eine Geschichte des Rin¬gens darum, was es heißt, dem Wort Gottes treu zu sein in der jeweiligen Situation. Dabei ist es keine Geschichte, die frei von Verirrungen ist. Christus sagt: Es lohnt sich, an meinem Wort festzuhalten und an der Gemeinde. Treue zum Wort Gottes ist nötig, weil es Orientierung gibt. Treue zur Gemeinde ist wichtig, weil unser Glaube Gemeinschaft braucht. Und Christus sagt seiner Gemeinde: Es ist geboten, daß ihr euren Platz in der Welt ausfüllt. Denn das Wort Jesu sendet in die Welt. Aus Treue zum Wort müs¬sen wir unseren Platz in Berlin ausfüllen und in einer sich verändernden Umgebung immer wieder nach den Konkretionen unserer "Stellenbeschreibung" fragen. Und aus Treue zum Wort Jesu darf das Bleiben bei der Gemeinde nicht einfach zum Bleiben in der Gemeinde werden. Wir müssen hinaus, damit Menschen hineinkommen! Hinaus in die Richard-Wagner-Straße zu Straßenfesten, hinaus in die Altenheime und Krankenhäuser, in die Sitzungen im Rathaus, zu denen wir eingeladen werden oder an denen wir teilnehmen können, hinaus an die Orte, wo Menschen auf die lebensstiftende Kraft des Evangeliums angewiesen sind.

Christus sagt: Laßt euch nicht von der "Dynamik" anderer Mächte und Gruppen beeindrucken. Die jüdische Synagoge in Philadelphia war viel größer und einflußreicher als die Christengemeinde dort. Die heidnischen Tempel waren viel prächtiger als das Haus, in dem sie sich trafen. Es ist so leicht nach links und rechts zu schielen, um Orientierung zu gewinnen. Es ist so verführerisch, auf andere Kirchen und Gemeinden - besonders solche, die groß sind oder werden - zu sehen. Aber wir sollen auf Jesus sehen! Denn von ihm her haben wir einen Auftrag, den andere nicht ausrichten können. Dort wo wir sind - in Philadelphia und Berlin-Charlottenburg -, können nur wir in unserer eigenen Art die frohe Botschaft von seinem Kommen in die Welt weitersagen.

100 Jahre Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Berlin-Charlottenburg - unsere "Partnergemeinde" in Philadelphia kann uns daran erinnern, daß solch ein Jubiläum nicht nur Grund ist, zurückzuschauen und sich zu erinnern, sondern zugleich eine gute Gelegenheit ist, nach vorne zu sehen und Perspektiven zu gewinnen. Christus öffnet seiner Gemeinde Türen und hat es immer schon getan, auch wenn sie sich schon gar keine Zukunft mehr zutraut. Davon soll etwas in dieser Gemeindegeschichte deutlich werden - und davon, daß es sich lohnt, treu dem lebendigen WORT der Zukunft zu ver¬trauen.

Berlin im Oktober 1998 Dr. Frank Woggon, Pastor

Der weite Weg der Baptisten nach Berlin

Die Geschichte der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Berlin-Charlot¬tenburg beginnt genau genommen nicht im Berlin des ausge¬henden neunzehnten Jahrhunderts, son¬dern im angel¬sächsischen Kultur¬kreis des begin¬nenden sieb¬zehnten Jahr¬hunderts. In Euro¬pa und England war das sieb¬zehnte Jahr¬hundert eine Zeit des Um¬bruchs. Der West¬fälische Friede von 1648 markierte das Ende der Reforma¬tionszeit und läu¬tete mit seiner be¬grenzten Aner¬kennung des Protes¬tantismus eine neue Ära in der Geschichte des Christen¬tums ein. Gewaltige Ver¬änderungen fanden im poli¬tischen, sozialen und wirt¬schaftlichen Bereich statt - Verän¬derungen, die niemand vorher¬sagen, wenige beeinflussen und viele auch nicht ver¬stehen konnten. In dieser unge¬wissen und aufge¬wühlten Zeit entstanden die Bap¬tisten als eigen¬ständige Denomination. Die ersten Baptisten¬gemeinden bildeten sich im frühen siebzehnten Jahr¬hundert in England und Holland. Sie erwuchsen aus inten¬siven Reforma¬tionsbestrebungen, die von solch radikalen Bewe¬gungen wie dem Puri¬tanismus, dem Separa¬tismus und wahr¬scheinlich dem Täufertum beein¬flußt waren, aber auch durch die Theologie der schwei¬zer Reforma¬toren Huldreich Zwingli und Johannes Calvin. Wurde in man¬chen Gruppen, die sich von der Kirche Englands tren¬nten, zunächst die Form der Säug¬lingstaufe für glau¬bende Menschen über¬nommen, ging man bald dazu über, durch vollständiges Unter¬tauchen zu taufen. Diese Praxis bescherte den jungen Gemeinden den Spitz- oder Schimpfnamen "Bap¬tisten". Als eine Gemeinschaft, die in England bis 1689 selbst verfolgt wurde, traten Baptisten energisch für Gewissens- und Religionsfreiheit ein. Nicht wenige der "separatistischen" Kritiker der Kirche Englands sahen es aber Anfang des siebzehnten Jahr¬hunderts als sicherer an, das Land zu ver¬lassen. So auch der ehemalige anglikanische Geist¬liche Roger Williams. Er nahm 1630 die Beru¬fung einer unab¬hängigen Gemeinde in der Nähe von Boston, Neu-England an, aus der heraus er 1639 die erste Baptisten¬gemeinde in der "Neuen Welt" grün¬dete. Unabhängig von dieser Gemeinde¬gründung bildeten sich bald weitere Baptisten¬gemeinden in Neu-England. Da nicht wenige der Siedler aus Europa Baptisten waren, wurden dann auch im Zuge der Besiedlung des Mit¬tleren Wes¬tens und Südens im kolonial¬en Ameri¬ka Baptistengemeinden gegründet. Von den klei¬nen Anfän¬gen in Boston an sind die Bap¬tisten in Nord¬amerika in weni¬ger als vier Jahr¬hunderten zur größten protes¬tantischen Denomination ange¬wachsen. Von Anfang an legten sie Wert auf das Bildungs¬wesen und bauten eigene Schulen und Universitäten auf, die zum Teil noch heute beste¬hen und einen guten Ruf genießen. Unter ihnen ist das Hamilton College im Staate New York, das heute noch unter ande¬rem Namen als theolo¬gische Hoch¬schule in Rochester ange¬siedelt ist. An diesem College unter¬richtete Barnas Sears, der sich nicht nur als ¬Professor in Nord¬amerika einen Namen machte, sondern auch in Deutsch¬land einer Bewegung zum Start ver¬helfen würde, die weit über die Grenzen Deutsch¬lands hinaus¬reichen sollte. Während einer Studien¬reise nach Europa taufte er in der Elbe bei Hamburg am 22. April 1834 sieben Män¬ner und Frauen, die daraufhin eine Gemein¬de gläu¬big getauf¬ter Christen bildeten, welche gern als erste Baptisten¬gemeinde auf dem europäischen Konti¬nent bezeichnet wird. Streng genom¬men kommt dieser Titel aller¬dings der kleinen Schar um John Smyth und Tho¬mas Helwys zu, die sich 1609 in Amsterdam als Gemeinde aufgrund der Gläubigen¬taufe kon¬stituierten, und zwei Jahre später nach einigen internen Spannun¬gen und einer Trennung nach England zurück¬kehrten. Wie dem auch sei, der Anfang des kontinental-europäischen Baptismus war im Jahre 1834 mit sieben Menschen gemacht, unter ihnen auch Johann Gerhard Oncken, der in dem ersten Gottes¬dienst der jungen Gemeinde von Barnas Sears zu ihrem "Prediger und Pastor" ordi¬niert wurde. Mehr als vier Jahrzehnte sollte er die Gemeinde in Hamburg leiten und prägte bis wenige Jahre vor seinem Tod 1884 maßgeblich den deut¬schen Bap¬tismus. Von Hamburg aus bereiste er Deutschland und die meisten Länder Euro¬pas, predigte und unterrichtete, wo auch immer er hinkam, gründete Gemein¬den und organi¬sierte die Mission. So gab es bereits im Revolutionsjahr 1848 in Deutschland fünf¬undzwanzig Baptisten¬gemeinden und fünf von Deutschland aus gegründete Gemein¬den in Däne¬mark. Drei Jahre nach der denkwürdigen Taufe in der Elbe wurden von Oncken im Rummels¬burger See vor den Toren Berlins am 13. Mai 1837, dem Sonnabend vor dem Pfingst¬fest, sechs Männer und Frauen getauft. Sie gründeten im Pfingstgottesdienst am folgen¬den Tag die erste Baptisten¬gemeinde in Berlin. Ihr Vorsteher war der Kupfer¬stecher Gottfried Wilhelm Lehmann, in dessen Wohnung auch die Versammlungen der Gemeinde abge¬halten wurden, deren Besuch aber bald so anwuchs, daß die Gemein¬de einen Raum in der Scharrenstraße in Berlin-Mitte anmie¬tete. Baupläne für eine eigene Ka¬pelle wur¬den von der Baupolizei nicht geneh¬migt, da Baptisten zu dieser Zeit keiner¬lei recht¬liche Anerkennung besa¬ßen. Da kam die Gemein¬de auf die Idee, ein "Wohn¬haus für Herrn Leh¬mann" zu bau¬en. Es sollte im obersten Stock einen großen Raum erhal¬ten, der als Versammlungs¬saal dienen kon¬nte. Die Bau¬pläne für dieses Projekt wurden ohne wei¬teres genehmigt, und so konnte der Bau in der Schmid¬straße im Südosten Berlins be¬ginnen. Die Revolution von 1848 brachte Gewalt und Blutvergießen, aber auch das Recht auf Versammlungs¬freiheit. Am 18. März 1848, nur acht Tage nach Ausbruch der Auf¬stände, fand die erste unangemeldete Versam¬mlung in der "neuen Kapelle" statt. In den fol¬genden Jahren wuchs die Zahl der Gemeinde¬mitglieder beträchtlich. Die als Wohnhaus konzipierte Kapelle erwies sich bald als unzureichend, zumal sie auch keine Gelegen¬heit zum Taufen bot. Die Taufen wurden immer noch - zumeist nachts - im Freien durchgeführt. So entschloß sich die Gemeinde, das Wohnhaus zu erweitern und eine ihren Zwecken genü¬gende Kapelle zu bauen. Diese wurde am 10. November 1861 mit der ersten öffentlichen Taufe von gläu¬big gewordenen Menschen in Berlin eingeweiht. Zu dieser Einweihung hatten der Magistrat und die Stadtverordneten Abord¬nungen entsandt, die in ihren Amts¬trachten erschienen und damit vermuten ließen, daß die Behörde wohl¬wollend an dem Gedeihen dieser Gemeinde interessiert war. Das Gedeihen blieb tatsächlich nicht aus, und auch nach fünfund¬zwanzigjährigem Be¬stehen wuchs die Gemeinde in der neuen Kapelle rasch zahlen¬mäßig weiter, so daß soge¬nannte Stations¬gemeinden in anderen Stadtteilen gegründet wurden. Südlich der Spree und west¬lich der Havel gehörten die Sta¬tionen Charlottenburg, Steglitz, Marien¬dorf, Rixdorf-Neukölln und Spandau, sowie einige Stati¬onen außerhalb Berlins zur "Ersten Baptisten¬gemeinde zu Berlin" in der Schmidstraße in "Berlin SO".

Anfänge im Charlottenburger Kiez 1888 bis 1909

Durch die Initiative von vier Mitgliedern der Baptistengemeinde in der Schmidstraße - dem Ehepaar Gabriel, ¬Auguste Schindler und einer "Schwes¬ter Haß", die im ersten Mitgliederver¬zeichnis aller¬dings nicht mehr erwähnt wird - ent¬steht im Jahr 1888 die Stations¬gemeinde Charlot¬tenburg, die im ersten Jahr ihres Bestehens auf siebzehn Mitglie¬der an¬wächst. Für eine Monats¬miete von 10,- Mark mieten sie in der Pots¬damer Straße 10, heute Seelingstraße 28, ein Zim¬mer, in denen die Ver¬sammlungen der Gemein¬de statt¬finden. Nur zwei Jahre später zieht man aber schon in ein größeres Zimmer um, aller¬dings nur einige Häuser wei¬ter in die Pots¬damer Straße 3. Die Gottes¬dienste finden am Sonntag¬nachmittag um 16 Uhr statt, wohl weil ein Teil der Mitglieder mor¬gens auch am Gottes¬dienst der Haupt¬gemeinde in der Schmid¬straße teil¬nehmen will. Mittwoch ¬abends um 20 Uhr trifft man sich regelmäßig zur soge¬nannten "Gebets¬stunde", in der ein Bibeltext ausge¬legt wird und zu frei ge¬sprochenen Gebe¬ten der Anwe¬senden Gelegen¬heit ist. Ein Chor wird 1891 noch unter der damals übli¬chen Bezeichnung "Gesang-Verein" ge¬bildet, was auch die Tat¬sache er¬klärt, daß der heutige Gemeinde¬chor bereits 1991 sein hundert¬jähriges Jubiläum feier¬te. Man versteht sich in der Potsdamer Stra¬ße in Charlottenburg als Gemein¬de im ur¬christlichen Sinne, die nicht zuletzt von der Quali¬tät ihrer Gemein¬schaft lebt. Daß die kleine Stations¬gemeinde in Charlotten¬burg aller¬dings keine "ge¬schlossene Gesellschaft" ist, die von der Außenwelt abge¬schottet nur für sich exis¬tiert, wird deut¬lich daran, daß der Ver¬sammlungsraum in der Potsdamer Straße bald zu klein für die wach¬sende Ge¬meinde ist. Aus Ost¬preußen - wo Johann Gerhard On¬cken bereits 1841 in Memel eine Ge¬meinde gründete - zie¬hen Bap¬tisten nach Berlin zu und werden in Charlot¬tenburg herzlich aufge¬nommen, so daß sie sich gerne in der neu gefun¬denen Gemein¬de en¬gagieren. Aus Platz¬mangel wir¬d ein weiterer Umzug in grö¬ßere Räumlich¬keiten ab¬sehbar. Zu¬nächst fin¬det die Ge¬meinde eine neue Heimat in der Span¬dauer Stra¬ße. 1896 zieht man dann in die Schiller¬straße 41, wo schlie߬lich die selb¬ständige Baptisten¬gemeinde Berlin-Charlotten¬burg ihren ersten Ver¬sammlungsort fin¬den soll. Im Oktober 1898 wird die Station in Charlot¬tenburg als Gemein¬de mit 51 Mit¬gliedern von der Mutter¬gemeinde Berlin-Schmid¬straße in die Selbstän¬digkeit ent¬lassen. Den Prediger und Ältesten, Benjamin Schil¬ling, muß sich die Ge¬meinde aller¬dings noch vier Jahre lang mit der Baptisten¬gemeinde "Betha¬nia" in "Berlin NW" (Moabit) tei¬len, die als Stations¬gemeinde der Baptistengemeinde in der Gubener Straße gegründet wur¬de. Neben dem Pre¬diger sind im sogenan¬nten Vor¬stand der Gemein¬de ferner Hein¬rich Pätz, David Raschke, Wilhelm Gran¬zow und Herr¬mann Miske mit Leitungs¬aufgaben betraut. Im Zen¬trum des Le¬bens der Gemein¬de stehen die Sonntags¬versammlungen, die sich aller¬dings nicht in einem ein¬stündigen Gottes¬dienst am Vor¬mittag erschöp¬fen. Gottes¬dienste fin¬den so¬wohl am Sonntag¬morgen um 9.30 Uhr als auch am Sonntag¬nachmittag um 16.00 Uhr statt. Im An¬schluß an den Vor¬mittagsgottesdienst be¬müht man sich dann um die reli¬giöse Erzieh¬ung der Kinder in der "Sonntag¬schule", die aller¬dings in den ers¬ten Jahren, so klagt man, an zu gerin¬ger Be¬teiligung lei¬det. Am späten Nach¬mittag, nach dem zwei¬ten Gottes¬dienst, trifft sich schlie߬lich noch die Jugend¬gruppe. Wie auch schon während ihrer Zeit als Stations¬gemeinde ist die Frage nach den Versammlungs¬räumlichkeiten stän¬diger Gesprächs¬stoff unter den Gemeinde¬mitgliedern, war doch jeder Umzug mehr Verän¬derung als Verbes¬serung. So liegt der Gemeinde¬saal in der Schiller¬straße 41 über einem Kuh¬stall, und nicht nur zu den Gottes¬diensten am Hei¬ligen Abend brüllen die Kühe so laut, daß die Pre¬digt nicht sel¬ten eine uner¬wünschte Begleit¬melodie er¬hält. Der Pre¬diger Benjamin Schilling beklagt im Jahres¬bericht der Gemeinde von 1901: "Unser dürftiges Lokal, das lange schon un¬serer Mission ein trauriger Hemm¬schuh ist, ge¬stattet leider nicht, daß die Vereine zu einer mehr erwünsch¬ten Kraft¬entfaltung kommen. Es ist be¬kannt, daß die Ge¬meinde den Pre¬diger und Vorstand beauf¬tragt hat mit allem Ernste, auf dem sich nur bieten¬den Wege, an die Beschaf¬fung eines geeig¬neten Lokals heran zu geh¬en." Nach einem Umzug in das Nachbar¬haus Schiller¬straße 42 im Jahr 1902 stehen zwar mehr Versammlungs¬raum und eine Woh¬nung, die weiter¬vermietet wird, zur Ver¬fügung, und die Lieder, Gebete und Predigt können ohne uner¬wünschte tieri¬sche Neben¬töne erklin¬gen; aber auch hier ist die Lage alles andere als ideal. Über den Versam¬mlungsräumen befinden sich Festsäle, die von der tanz¬lustigen Bevöl¬kerung des Charlotten¬burger Kiezes häufig benutzt wur¬den. In der "Ge¬schichte der Baptisten¬gemeinde Charlotten¬burg", die zum fünfzig¬jährigen Bestehen heraus¬gegeben wurde, heißt es: "Während um die Erweckung neuer Seelen gerungen wurde, schwank¬te die Decke unter den Tanz¬schritten, kostümierte Masken kamen die Trep¬pe herunter, die die Men¬schen der an¬deren Welt belustigt betrachteten." Wohl nicht zu¬letzt wegen der Kompro¬misse, die man immer wieder im Blick auf geeig¬nete Räum¬lichkeiten ma¬chen muß, wird 1904 eine "Kapellen¬baukasse" einge¬richtet, damit in nicht allzu ferner Zukunft end¬lich ein Umzug in ein eigenes Gebäu¬de möglich wird. Dieser Traum soll aller¬dings erst nach sech¬zehn Jahren Wirklichkeit werden. Die Ein¬richtung des Bau¬fonds ist inner¬halb der Gemeinde nicht unumstritten, gibt es doch immer wieder in den Anfangs¬jahren finanzielle Eng¬pässe, weil die Spenden¬freudigkeit einzel¬ner Mitglieder der Gemein¬de - wie die in den Jahres¬berichten veröf¬fentlichten Listen der Beiträge zeigen - gerin¬ger als erwartet ist. Trotz mancher Anfangsschwierigkeiten wächst die Gemeinde, so daß sie im Jahre 1905, als die Kündigung ihres ersten Predigers erfolgt, be¬reits 269 Mit¬glieder zählt. Davon gehören allerdings 81 zu den Stations¬gemeinden Brandenburg und Potsdam. Da die Gemeinde selbst als Stations¬arbeit entstan¬den ist, schien es nur natürlich, daß sie, als sich die Gelegen¬heit im Jahr 1900 bot, die Stations¬gemeinde Branden¬burg von der Baptisten¬gemeinde in der Gubener Straße in Friedrichshain über¬nahm. Ende desselben Jahres gründete man in Pots¬dam eine weitere Station mit 15 Mitgliedern, die langsam aber stetig wuch¬s. Eine weitere Über¬nahme einer Station der Gemein¬de Steglitz in Wilmers¬dorf im Jahr 1902 und die Gründung der Stations¬gemeinde No¬wawes mit 18 Mitglie¬dern machte aus der vor kurzem selbst¬ständig ge¬wordenen Tochter¬gemeinde bald schon eine Mutter¬gemeinde, die an vier Sta¬tionen ihre Mission unternahm. Dem Wachs¬tum der Gemein¬de förderlich ist auch die evange¬listische Ar¬beit des neuen Pre¬digers, Johannes Rehr, der im Januar 1906 seinen Dienst antritt. Noch im selben Jahr werden 43 Menschen durch Taufe in die Gemeinde aufge¬nommen. Im näch¬sten Jahr sind es 41 Personen. Auch die Sonntagschule, die in den ersten Jahren über zu geringe Beteili¬gung klagte, wird mehr und mehr zu einem der wesentlichen Arbeits¬zweige des Gemein¬deaufbaus. Im Jahr 1907 besuchen durch¬schnittlich 125 Kinder die "Sonntagschul-Stunden" nach dem Vormittagsgottes¬dienst. Neben den tradi¬tionellen Formen der Evange¬lisation werden aber auch durchaus inno¬vative Mög¬lichkeiten ange¬dacht und eingeführt. So beginnt die Gemeinde 1905 eine Öffent¬lichkeitsarbeit, indem sie Anzei¬gen über ihre Versam¬mlungen am Sonntag in den Berliner Zeitun¬gen erschei¬nen läßt. Den Stand¬ort im Charlot¬tenburger Kiez mit seinen Hinterhöfen beginnt man im Jahre 1908 nicht nur als manchmal beklag¬te Gege¬benheit zu sehen, sondern auch als beson¬dere Mög¬lichkeit: die missio¬narische Arbeit des "Hofsingens" wird begon¬nen. Im selben Jahr wird für die Stations¬gemeinde Pots¬dam "Bruder Paasche", frischer Absolvent des Prediger¬seminars in Hamburg-Horn, als Predi¬ger ange¬stellt, der haupt¬sächlich in der neu begonnenen Soldatenmission tätig werden soll. Veränderungen gibt es nach dem ersten Predigerwechsel in Charlot¬tenburg auch in Bezug auf die Leitungsstruktur. Vereinte Benjamin Schilling noch die Ämter des Pre¬digers und Ältesten der Gemeinde in Personal¬union, so ging man mit dem Dienstbeginn von Johannes Rehr dazu über, diese Ämter voneinander zu trennen. Die "Ent¬wicklungen drängten zur Arbeitsteilung und zur demokratischen Leitung der Ge¬meinde", so heißt es als Fazit dazu in der "Geschichte der Baptisten¬gemeinde Charlottenburg", die zum 50jährigen Jubiläum herausgegeben wurde (S. 7) . Zwi¬schen den Zeilen hört man her¬aus, daß die Vereini¬gung der beiden Ämter in der Person des ersten Predigers der Gemein¬de nicht nur nützlich war. Im Jahre 1905 wird "Bruder Grundke" als Ältester der Gemein¬de berufen. Er übt sein Amt aber nur für kurze Zeit aus, da er drei Jahre später aus beruf¬lichen Grün¬den Berlin verlassen muß. Sein Nach¬folger, August Reck, wird erst 1910 berufen und nimmt die Aufgaben des Ältesten¬amtes sechsund¬zwanzig Jahre lang bis zu seinem Tod 1937 wahr. Eines der herausragenden Ereignisse am Ende des ersten Jahrzehnts des Bestehens der Gemeinde ist der erste Kongreß der europäischen Baptisten, der vom 29. August bis zum 3. September 1908 in Berlin statt¬findet und von den Berliner Gemeinden orga¬nisiert wird. Wenn auch die Planung dieses Kon¬gresses im Vorfeld von kriti¬schen Fragen begleitet ist, bezüglich "eitler Ziele", die sich dahinter verbergen könnten, so läßt doch die Erfahrung während der Kongreßtage all diese Beden¬ken wegfallen. Die Begeg¬nung mit ande¬ren Mitgliedern aus Baptistengemeinden jenseits der Grenzen Deutsch¬lands wird zu einem mutmachenden Ereignis für Christen, die sich von Staat und Kirche oft in eine "zweite Klasse des Bürgertums" hineingedrängt und über¬sehen füh¬len. Auch wenn die Frei¬kirchen ansonsten zumeist ignoriert werden, kann man die Präsenz der Baptisten¬gemeinden in Berlin in diesen Tagen nicht über¬sehen. Tausende strömen täglich zu den Veranstaltungsorten, und die Öffentlichkeit nimmt Notiz, auch wenn man vergeblich auf offizielle Gru߬worte der Kirchen¬leitungen und Stadtvertretung wartet. Fast täglich wird in Zeitungen von dem Kongreß berich¬tet. Am Sonntag, den 30. August, finden Veran¬staltungen auch in der Schiller¬straße 42 statt. Deutsche und inter¬nationale Gaeste predigen und geben Berichte aus ihren Gemein¬den. "Das war wahrlich ein Tag voll Sonnenschein," schreibt Johannes Rehr in seinem Bericht, "ein Tag der köstlichsten Gemeinschaft, des Lobens und Dankens, ein Tag neuer Beugung und Hingabe" (Offizieller Bericht über den 1. Kongreß der europäischen Baptisten, 64).

Konsolidierung in Kriegszeiten 1910 bis 1919

Zu Anfang des zweiten Jahrzehnts ihres Bestehens bahnen sich für die Gemeinde einige Verän¬derungen an. 1910 findet einmal mehr ein Umzug statt, und zwar in die neue "Missionskapelle", Krum¬mestraße 28. Die neuen Räumlichkeiten scheinen gute Ent¬wicklungen im Gemein¬deleben einzu¬leiten: die Gottes¬dienste wer¬den "viel besser besucht, die Mitglieder erkannten mehr ihre großen Aufgaben in dieser Stadt, die Sonntag¬schule nahm einen besonderen Aufschwung" (Jahresbericht 1910). Im selben Jahr entläßt die Gemeinde drei ihrer Stationsgemeinden in die Unab¬hängigkeit: die Sta¬tionen Potsdam, Brandenburg und Nowawes konsti¬tuieren sich mit 119 Mitgliedern als Bap¬tistengemeinde Potsdam. In der Stammgemeinde und der Stationsge¬meinde Wilmers¬dorf bleiben insge¬samt 300 Mitglie¬der. Johannes Rehr hat die Kanzel in der neuen Missionskapelle nur ein Jahr besetzen können. Im Jahr 1911 nimmt er nach fünf Jahren Ab¬schied von der Gemeinde, um im Auftrag des Bundes der Baptis¬tengemeinden als "Sekre¬tär des Jünglingsbundes" zu arbeiten. Als sein Nachfolger beginnt Otto Muske schon im April 1911 seine Arbeit als Prediger der Gemeinde, so daß die kontinu¬ierliche Ent¬wicklung im Gemeindeleben nicht durch eine längere predigerlose Zeit unter¬brochen wird. Die kommenden beiden Jahre muten angesichts der "stillen, aber stetigen Entwicklung nach innen und außen" an, wie die Ruhe vor dem Sturm. In der Tauroggener Straße im Norden Charlottenburgs wird 1912 eine Stations¬gemeinde unter der Lei¬tung von H. Szagunn gegründet. Eine Evangelisation im Folgejahr ist nicht zuletzt ein Grund da¬für, daß 66 Men¬schen in die Gemeinde aufgenommen wer¬den, so daß am Ende des Jahres 1913 bereits 374 Mitglieder ge¬zählt werden. Besondere Erwäh¬nung findet in diesem Jahr in den Proto¬kollen auch die finanzielle Situation der Gemeinde, die trotz der un¬günstigen Wirtschaftslage positiv bewertet wird. Steigende Gesamt¬einnahmen gegen¬über dem Vorjahr und eine besonders erfreu¬liche Entwick¬lung des Kapellenbaufonds, der am Jahresende 17.411,- Mark aufweist, lassen hoff¬nungsvoll in die Zukunft schau¬en. Im kommenden Jahr werden jedoch die ruhigen und positiven Entwick¬lungen im Gemeinde¬leben durch die politischen Ereignisse erschüttert. Die Juli¬krise von 1914 und der von Berlin aus geförderte Konflikt Österreich-Ungarns mit Serbien stürzt das kaiser¬liche Deutsch¬land in einen Krieg von bisher nicht gekannter Ausdehnung und Heftigkeit. In der Gemeinde scheinen zunächst die kaisertreuen und dem Vaterland ver¬bundenen Stimmen die Klage zu über¬tönen. So heißt es im Rück¬blick des Jahres¬berichts von 1914: "Noch nie seit ihrem Bestehen ist die Gemeinde durch eine so ernste, schwere und doch dabei so große Zeit hindurchgegangen wie im ver¬flossenen Jahr. Gewaltige, weltgeschichtliche Ereignisse sind ihren Weg gegangen und haben auch unser Häuflein anteilnehmen lassen an ihrem Sturmläuten und dröhnen¬dem Donnerklang! Krieg! Wer hätte gerade jetzt daran gedacht? Noch war die friedliche Ferien¬stimmung nicht vom Gemeindebilde geschwunden, in der Welt war's still - da! ein greller Blitz¬strahl, der jäh die ahnungslose Welt in unlöschbaren Brand ver¬setzte. Rings von neidischen Feinden umgeben, sah sich unser Friedenskaiser mit schwerem Herzen gezwun¬gen, das Schwert zu ziehen, das 44 Jahre in der Schei¬de ruhte. Wie wurden unsere Herzen mitgerissen von der glüh¬enden Begeis¬terung jener ersten Mobilmachungstage! Wie stand in edler Ritterlichkeit unser oberster Kriegsherr als leuchtendes Vorbild da, auf Gottes Hilfe vertrauend und sein Volk zum Gebet und zur Buße rufend. Und wäh¬rend sich alles zu den Fahnen drängte, zahlte auch un¬sere kleine Gemeinde dem König willig ihren Tribut. Unver¬geßlich wird allen Teilnehmern jener 1. August¬sonntag sein, an dem nach der Feier des Herrenmahls eine ganze Schar lieber Brüder die Plattform füllte, um von der Gemeinde - vielleicht für immer! - Abschied zu neh¬men. Unter heißen Gebeten und Singen des Liedes: 'Gott mit euch, bis wir uns wiedersehn" wurden sie ent¬lassen."

In sogenannten "Kriegsgebetsstunden" hört man Berichte "aus dem Fel¬de" und weint, betet und hofft gemeinsam. Auch in die Gemeindever¬sammlungen dringt der militä¬rische Charak¬ter der Zeit, wenn der Älteste August Reck und der Gemeindesekretär A. Felsburg in ihren Uniformen ihres Amtes walten. Die ganze Härte des Krieges wird der Gemeinde bewußt, als verwundete Mitglie¬der zur Genesung auf Heimat¬urlaub nach Berlin kommen, verjagte Flüchtlinge aus dem Osten bei Verwand¬ten in der Gemeinde Zu¬flucht suchen und Meldungen über in Gefangen¬schaft geratene Gemeinde¬mitglieder und erste Todes¬nachrichten eintref¬fen. Bereits im Oktober fällt als erster Franz Uszko¬reit, der Mit¬glied in der Stationsge¬meinde Wilmersdorf war. Nicht lange danach trifft die Nachricht ein, daß Carl Brandauer, Dirigent des Männerchores und des Stations¬chors in der Tauroggener Straße, bei einem Sturmangriff umkam. Nach und nach werden etwa hundert Mit¬glieder und Freunde der Ge¬meinde - darunter auch der Prediger, der allerdings in Berlin stationiert bleibt - zum Heeres¬dienst eingezogen. Fast wie eine Ironie der Zeit scheint es, daß man im Jahr des Kriegs¬ausbruchs und angesichts der Unter¬stützung der militärischen Mobil¬machung in Deutschland einen neuen Anlauf in der soge¬nannten "Friedensboten"-Mission unter¬nimmt, die als Traktatmission nach dem gleich¬namigen Verteilblatt be¬nannt ist. Auch wenn die Arbeit in der Gemeinde aufgrund der Kriegs¬geschehnisse beeinträchtigt und gestört wird, bleiben die Aufgaben in den verschie¬denen Gruppen nicht liegen. Neben den tragi¬schen Verlusten meist jun¬ger Männer, die zwischen zwanzig und drei¬ßig Jahre alt sind, gibt es nicht zuletzt aufgrund der weitergeführten missionarischen Aktivi¬täten auch Neuaufnahmen in die Gemein¬de. Im Jahre 1915 sind es siebenund¬zwanzig, was die Mit¬gliederzahl auf 394 erhöht. Im Jahre 1916, welches das "Jahr der Kohlrübenstullen" genannt wird, schicken die Frauen hun¬derte von Pake¬ten mit Strümpfen, Leibbinden, Ohrenschützern und Puls¬wärmern an die Front. Bücher, Zeitschriften und Schreibpapier werden gespendet und an die Soldaten im Feld verschickt. Dabei machen sich die Auswirkungen des Krieges durch¬aus auch in Berlin bemerkbar. Die Lebens¬mittelknappheit hat ver¬heerende Folgen im Leben mancher Familien der Gemeinde. Und auch in den Gottes¬diensten spürt man nicht nur an den leeren Plätzen oder beim Anblick der Unifor¬men den Geist der Zeit: das Abendmahlsbrot wird zugeteilt und der Abend¬mahlswein wird allmählich so ge¬streckt, daß vom "Gewächs des Weinstocks" schließlich nur noch die Farbe übrig bleibt. Gold und Gold¬stücke wandern zur Reichsbank, und in den Sam¬melstellen ver¬schwinden die letzten Messingbeschläge, Türklinken und Kupferkessel. Fast wie ein Wunder scheint es, daß man ausgerechnet in dieser Zeit allgemeiner Entbehrung zu Grundbesitz kommt. Ein langjähriges Mitglied, Heinrich Thies, hatte seit län¬gerer Zeit den Wunsch, seine Grundstücke in der Kirschenallee 20 in Westend der Ge¬meinde in Charlot¬tenburg zu über¬eignen. Die Verhandlungen darüber werden aber durch seinen Tod unter¬brochen, worauf seine Tochter Ida Thies sie weiterführt und im Okto¬ber 1917 zu einem Abschluß bringt. Unter sehr günstigen Bedingungen wird die Ge¬meinde so zur Eigentümerin von Grundstücken, von denen man im Jahres¬bericht 1917 liest, daß daraus eine "rechte Pflanzstätte göttlicher Liebeswerke" werden möge. Man ahnt noch nicht, daß dieses Erbe die Gemeinde einmal fast ein Jahrzehnt lang be¬schäftigen und in ausgiebige Diskussionen führen wird. Endlich kommt der Krieg, dessen Härte und Dauer alle Annahmen, Vorbe¬reitungen und Erwar¬tungen übertroffen haben, 1918 zu einem Ende. So enthusiastisch, wie man vor vier Jahren die Mobil¬machung begrüßte, heißt man nun die Heimkehrenden will¬kommen. Am 15. Dezem¬ber feiert man in der festlich geschmückten Kapelle mit den aus dem Krieg zurück¬gekommenen Mitglie¬dern Wiedersehen und gedenkt der zwölf Gefal¬lenen bzw. Vermißten. Die Freude über das Ende des Krieges wird aller¬dings durch das Abdanken des Kaisers und den politischen Umsturz getrübt. Die Aus¬rufung der Repu¬blik in Wei¬mar läßt unter den Gemein¬demitgliedern viel Unsicherheit und Unruhe ent¬stehen, fühlt man sich doch mehrheitlich der Monarchie verpflichtet, für die mancher der einge¬zogenen jungen Männer der Gemeinde "den Opfertod" gestorben ist. Den Kaiser er¬kannte man an als einen Herrscher, der "der göttlichen Wahrheit zuge¬neigt war", während man sich - nicht zuletzt bedingt auch durch die "Kirchenfeindschaft" der Linken - nun in Distanz setzt zur neuen Republik als einem "Staat ohne Grund¬sätze" mit einer "Verfassung ohne Gott". Eine Anzahl von Mitglie¬dern zieht, nicht zuletzt wegen der andau¬ernden Lebens¬mittelknappheit, aufs Land, so daß sich der Mitglieder¬bestand im Jahr des Kriegs¬endes von 378 auf 369 verringert. Trotzdem bringt das Folgejahr einen Aufschwung im Gemeinde¬leben - zwar nicht in Zahlen, wohl aber im Selbst¬bewußtsein: der Besuch der Gemeindeversammlun¬gen nimmt wieder zu und einige der regel¬mäßigen Besu¬cher der Gemein¬de schlie¬ßen sich ihr ver¬bindlich an. Auch finanziell geht es auf¬wärts. Der Kapellenbaufonds ist in kürzester Zeit auf 46.485,- Mark ange¬wachsen. "Bruder Schirr¬macher", ein langjähriges Mitglied und so¬genannter "Bei¬sitzer" im Vorstand der Gemeinde, wird beauftragt, ein für die Ge¬meinde günstiges Kapel¬lengrundstück zu ermitteln. Seine Bemüh¬ungen sollen schon bald Erfolg zeigen.

In eigenen Mauern 1920-1929

Im Jahre 1920 erwirbt die Gemeinde das Grundstück Bismarckstraße 40, das im Her¬zen von Charlottenburg an einer der Prachtstraßen des Berliner Wes¬tens gelegen ist. Der Kaufpreis für die Wohngebäude und die im zweiten Hinterhof gelegene Kapelle beträgt rund eine halbe Million Mark, was zunächst erschreckt, dann aber bald ange¬sichts der sich bietenden Chance, in eige¬nen Mauern die Gemein¬dearbeit fortzu¬setzen, zu allge¬meiner Begeis¬terung und Opfer¬bereitschaft führt. Die Kapelle mitsamt der Wohngebäude war im Jahre 1898 auf dem da¬maligen Grund¬stück Bismarckstraße 35 von einem Herrn Ludwig Rennow ge¬baut wor¬den, einem Mitglied der Katholisch-apostolischen Gemeinde, der die Kapel¬le auch an diese ver¬mietete. Manche ältere Veröf¬fentlichungen der Baptistengemeinde Berlin-Charlot¬tenburg geben irrtüm¬licherweise die Neu¬apostolische Gemeinde als Erbauer an. Nach¬dem Herr Rennow das Grundstück 1907 an einen Herrn Fried¬rich Böttger verkauf¬te, wurde die Miete so ange¬hoben, daß sie für die Katholisch-apostolische Gemeinde finanziell nicht mehr tragbar war. Daraufhin ver¬mietete der neue Besitzer die Kapelle zu¬nächst von 1908 bis 1918 an eine Gruppe der jüdi¬schen Gemein¬de, der sie als Synagoge diente, wäh¬rend Herr Rennow für die Katholisch-apos¬tolische Gemein¬de in der Goethe¬straße 26, Ecke Weimarer Straße eine neue Kapelle bauen ließ. Später wurde die Pfingst¬gemeinde "Eben Ezer" Mieter in der Bis¬marckstraße 40, die zur Zeit des Er¬werbs durch die Baptisten¬gemeinde Charlot¬tenburg noch einen laufen¬den Miet¬vertrag für die Kapel¬le hat. So muß man sich zu¬nächst noch in Geduld üben, bis mit dem not¬wendigen Umbau im Juli 1921 begonnen werden kann: die drei Em¬poren werden neu aufge¬baut, eine "elektrische Licht¬anlage" geschaffen, das Tauf¬becken mit an¬liegenden Umkleide¬räumen einge¬baut, die Mauern trocken¬gelegt und der Neuan¬strich fertiggestellt. Auch wird beschlossen, den Bau einer Orgel in Auftrag zu geben. Diese kann aller¬dings erst im Februar 1923 in Betrieb genom¬men werden, und auch nur mit gedämpf¬ter Freude, da ihr Bau bis dahin mehr als das Doppelte der ursprüng¬lich dafür ge¬planten Kosten von 30.000,- Mark ver¬schlungen hat. Am 2. Oktober 1921 findet aber bereits die lang er¬sehnte Einweihung der "Friedens¬kapelle" statt, die diese Bezeichnung durch einstimmigen Gemein¬debeschluß erhielt. Es können rund ein¬tausend Anwesende zu dieser Feierlichkeit be¬grüßt werden,¬¬ wel¬che sich in der und um die neue Kapelle drän¬gen, die "nur" 700 Sitz¬plätze hat. Dies soll aller¬dings in die¬sem Jahr nicht das einzige Fest im neuen Haus bleiben. In zwei Taufgot¬tesdiensten, bei denen ins¬gesamt 47 Menschen in die Gemein¬de auf¬genommen wer¬den, kann¬ ¬das neu angelegte Taufbecken praktisch er¬probt werden. Die Gemein¬dearbeit scheint am neuen Standort zu flo¬rieren, obwohl manche Entwicklungen und Verän¬derungen anderes ver¬muten ließen. Trotz der Tatsache, daß in den Jahren 1922 bis 1927 eini¬ge der langjährigen, ehren¬amtlichen Mitarbeiter der Gemeinde in leiten¬den Funktionen ihre Ämter der nach¬folgenden Generation zur Verfügung stellen, bleibt Kontinuität im Gemeindeleben gewahrt. Auch die Inflation, die im Jahre 1923 ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht, wirkt sich nicht nachteilig auf die wirtschaftliche Lage der Gemeinde aus. Im Gegenteil - in diesem Jahr können sogar Belastungen getilgt wer¬den, die vor der Inflation fast 70.000,- Mark betrugen. So steht das 25-jährige Gemeindejubiläum unter durchaus positivem Vorzeichen. "In reich geseg¬neten Festversammlungen", schreibt Otto Muske in Erinnerung an das Jubiläum, "gedachten wir der Güte des Herrn, der uns wie auf Adlers Flügeln getragen, der uns aus kleinen An¬fängen in ruhiger Entwicklung erstarken ließ, der uns solch wertvolles eigenes Heim geschenkt und uns viele Möglichkeiten zu einer kraftvollen Entfaltung gegeben hat." In den 25 Jahren ihres Beste¬hens ist die Gemein¬de von 51 Mitgliedern auf 494 Mitglieder angewachsen. Es wäre allerdings ein Vor¬täuschen fal¬scher Tatsachen, würde man die¬ses Wachs¬tum ausschließlich dem missiona¬rischem Eifer der Charlot¬tenburger Baptisten zu¬schreiben. Immer wieder ist es vorgekommen, daß sich Gruppen aus anderen Baptisten¬gemeinden oder kleineren Gemein¬schaften der Baptisten¬gemeinde in Charlottenburg anschließen wollten. So erklärt es sich auch, daß in den Statistiken der ersten Jahrzehnte die Zahl der Aufnahmen "durch Zeugnis" zum Teil die Zahl der Aufnahmen "durch Taufe" weit übersteigt. Im Jahr 1924 wird auf eigenen Wunsch hin eine "Missionsge¬meinde" in der Düssel¬dorfer Straße als weitere Stations¬gemeinde in Wilmersdorf übernommen, die sich aber bereits nach drei Jahren schon wieder aufgrund unterschiedlicher Lehrüberzeugungen trennt. Auch schließen sich im folgenden Jahr eine Anzahl Mitglieder der Baptisten¬gemeinde "Betha¬nia", Berlin-Moabit, in Charlot¬tenburg an, sowie 32 getaufte Mitglieder der "Gemein¬schaft Lützow¬straße 93", die als neue Station anerkannt wird. Allerdings währt die neue Zusam¬menarbeit mit der letztgenannten Gruppe nicht lange, da bereits im selben Jahr ein früherer Pre¬diger der Ge¬meinschaft zurück¬kehrt und in der jungen Stations¬gemeinde in einer Weise tätig wird, daß eine einvernehmliche Arbeit nicht mehr gewähr¬leistet scheint. Neben allen positiven Entwicklungen im Gemeindeleben dieser Jahre gibt es allerdings auch interne Schwie¬rigkeiten, die nicht verschwiegen wer¬den. Äußeres Wachstum läßt nicht immer auf uneingeschränkte, innere Gesundheit schließen. Schließlich kann man auch an¬nehmen, daß die Kauf- und Umbauphase mit ihren schwer¬wiegenden Ent¬scheidungen nicht ohne Span¬nungen verlaufen ist, auch wenn es im Jahres¬bericht von 1920/21 heißt, "daß alle Ent¬scheidungen von so schwerwiegender Art im Geiste des Friedens und der Brüderlichkeit getroffen wurden". So weist der Älteste der Gemein¬de, August Reck, in einer Vorstandssitzung am 14. August 1923 warnend auf "Ernstes unserer Zeit" hin und bittet, "in Liebe und Einigkeit zusam¬menzustehen und so das von Gott anvertraute Werk in Treue zu verrichten". Er spricht offen Differenzen an, die zwischen Mitgliedern der Leitung der Gemeinde bestehen und einer effektiven Arbeit im Weg stehen, und bittet um klärende Gespräche, welche dann auch geführt werden. Probleme gibt es unter anderem auch zwischen den Generationen. 1925 wird die von der Jugend¬gruppe selbst ge¬wählte Lei¬tung vom Vorstand der Gemeinde nicht aner¬kannt, und es wird ein Mit¬glied des Vor¬standes als kommissarischer Leiter einge¬setzt, bis eine Neuwahl durchgeführt werden kann. In Protokollen wird außerdem über Interesselosigkeit in Bezug auf Gemeinde¬versammlungen und Abend¬mahlsfeiern geklagt. Eine einschneidende Veränderung im Gemeindeleben bringt das Jahr 1926. Der lang¬jährige Prediger der Gemeinde, Otto Muske, nimmt nach fast sechzehn Jahren in Berlin-Charlottenburg einen Dienst¬wechsel nach Bremen vor. Der Abschied nach langer und guter Zusam¬menarbeit zwi¬schen Prediger und Gemeinde fällt schwer. Je¬doch kann fast unmittelbar nach Otto Muskes Verabschiedung im September sein Nach¬folger, Dr. Hans Luckey, der bis dahin Pre¬diger der Baptistengemein¬de Königs¬berg-Salzastraße war, im November begrüßt werden. Betrachtet man die Ge¬meindestatistik des folgen¬den Jahres, so kann man zu dem Schluß kom¬men, daß der Predigerwechsel - auch wenn er von den meisten Mit¬gliedern der Gemein¬de als schmerzlich empfun¬den wurde - zu¬nächst einen weiteren Auf¬schwung im Gemein¬deleben bringt. Alle Gemeinde¬gruppen, heißt es im Jahres¬bericht von 1927, ent¬wickeln "eine geseg¬nete Tätigkeit", und 62 zumeist junge Men¬schen werden in diesem Jahr ge¬tauft. Die Gemein¬de hat nun eine Mitglie¬derzahl erreicht, die eine Betreu¬ung durch den Prediger allein im¬mer mehr er¬schwert. Um hier Abhilfe zu schaffen und auch die Ver¬sorgung der alten und kran¬ken Mitglieder der Gemeinde zu gewähr¬leisten, ent¬scheidet man sich, zusätz¬lich zum Pre¬diger eine Diako¬nisse als Gemein¬deschwester anzu¬stellen. Im März 1927 wird Schwes¬ter Ulrike Fritsch vom Diakonis¬senhaus "Beth¬el" in ihren Dienst eingeführt. Sie sorgt für eine kon¬tinuierliche Ver¬sorgung der Be¬dürftigen, auch als die Ge¬meinde bald wieder ein¬mal vor der Frage eines Prediger¬wechsels steht. Dr. Hans Luckey nimmt im Frühjahr 1929 die Berufung als Lehrer an das "Prediger¬seminar", der theo¬logischen Aus¬bildungsstätte der deut¬schen Baptisten¬gemeinden in Hamburg, an. Im Laufe seiner dortigen vierzig¬jährigen Tätig¬keit wird er zum prä¬genden Theo¬logen der vier¬ten Generation des deutschen Bap¬tismus. Wie¬der ist die prediger¬lose Zeit für die Gemeinde relativ kurz. Im Oktober 1929 be¬ginnt Samuel Link aus Tü¬bingen seinen Dienst in Berlin-Charlot¬tenburg. Er wird die Gemein¬de in ein Jahr¬zehnt führen, das nicht nur in politischer Hin¬sicht stür¬misch werden wird. Die Heraus¬forderungen der politischen Situation in Deutsch¬land bahnen sich an, als die Gemein¬de 1929 vor der Frage steht, die Par¬tei des "Christlich-Sozialen-Volks¬dienstes" (CSVD) zu unterstützen, eine Absplitterung der Deutsch Nati¬onalen, zu der ver¬schiedene Bap¬tisten Kontakt ha¬ben, da¬runter auch der spätere Direk¬tor des Bundes der deut¬schen Bap¬tistengemeinden, Paul Schmidt, der den CSVD von 1930 bis 1932 als Reichs¬tagsabgeordneter vertritt. Aufgrund seines Be¬kenntnisses zu sogenannten "christ¬lichen Grund¬sätzen", seiner konser¬vativen Kultur¬politik und seines mora¬lischen An¬spruchs stehen viele Mit¬glieder unter¬schiedlicher Freikirchen dem CSVD positiv gegen¬über. Andrea Strübind stellt in ihrer Unter¬suchung über die Ge¬schichte des Bap¬tismus im "Drit¬ten Reich" fest: "Wie¬weit die Sym¬pathie für den CSVD in bap¬tistischen Kreisen reichte, zeigte die Bundes¬konferenz 1930 in Königs¬berg, auf der Schmidt nicht nur einen pro¬grammatischen Vortrag zur Stellung der Ge¬meinde im Staats¬leben hielt, sondern auch eine nach¬drückliche Wahlrede für den CSVD. In dieser Rede kritisierte er die 'Weltab¬gewandheit' der Christen und fordert sie auf, ihre poli¬tische Ver¬antwortung zu erkennen und wahrzu¬nehmen" (Die Unfreie Frei¬kirche, 54). In Charlot¬tenburg ver¬hallt Paul Schmidts leiden¬schaftlicher Aufruf jedoch - wenn auch nicht unge¬hört, so doch unbe¬folgt - und der Gemeindevor¬stand entscheidet sich gegen eine Unterstützung der Partei.

Innere und äußere Stürme 1930 bis 1945

Im Jahre 1930, als die NSDAP bei der fünften Reichstagswahl große Gewinne erzielte, heißt es im Jahresbericht der Gemeinde: "'Krisis des Christentums' ist das Stichwort unserer aufgewühlten Zeit. Das letzte Buch der Bibel redet von einer 'Stunde der Ver¬suchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, zu versuchen alle, die auf Erden wohnen.' (Offb. 3, 10). Die Welt steht im Banne des Kommenden. Der Schatten ist schon da." Fast prophetisch muten diese Worte im Blick auf die kom¬mende Hitlerzeit an, die bereits anfängt ihre Schatten auf das Gemein¬deleben zu werfen. Immer deut¬licher wird die apokalyptische Sprache, die Samuel Link gegenüber der Ge¬meinde ge¬braucht, um die Zeit zu deuten: der "große Abfall" ist in vollem Gange, die "Zeichen der Zeit" weisen auf Christi Wieder¬kunft hin, die Gemeinde soll "als reine Jungfrau" Christus zugeführt werden. Abgesehen von solch vereinzelten apokalyptischen Deutungen finden sich in den Quellen aber keine Hinweise, daß innerhalb der Gemeinde eine inten¬sive Ausein¬andersetzung mit den politi¬schen Entwick¬lungen stattgefunden hat. In baptistischen Veröffentlichungen wird das Dritte Reich mit "lauter Hoffnung und leiser Skepsis" (Balders) be¬grüßt. Der bereits erwähnte Paul Schmidt schreibt in der Weihnachts¬ausgabe der baptistischen Zeitschrift "Der Wahrheitszeuge": "Das Dritte Reich denkt nicht daran, uns irgendwie un¬seren Lebensraum zu verengen. Alle aufgetauchten Besorg¬nisse erwiesen sich als völlig unbegründet. Es ist für uns durch und durch unpolitische Gemeinden selbst¬verständlich, daß sie dem Staat geben, was des Staates ist, der Obrigkeit untertan sind, für sie beten und um so freudiger mitarbeiten, wenn ihre Glieder aufgerufen wer¬den, wenn das positive Christentum mit seinen Kräften nicht nur geduldet, sondern gepflegt wird. Darum ist es auch völlig ausgeschlossen, daß die Gemeinde irgend¬wie eine Hei¬mat für politische Reaktionen irgendeiner Art sein könne noch sein wer¬de."

Im Jahre 1932, als die NSDAP stärkste Fraktion im Reichstag wird, muß in Gemeindever¬sammlungen in Charlottenburg allerdings des öfteren darauf hingewiesen werden, politische Diskus¬sionen und das Tragen von Parteiabzeichen "auf dem Kapel¬lengrundstück und in der Gemeinde zu unter¬lassen." Auch verlassen 1933 eine Reihe von Mit¬gliedern die Ge¬meinde aus sogenannten "weltan¬schaulichen Gründen". Es ist zu fragen, ob sich hinter dieser Formulierung ein Hinweis auf Ausein¬andersetzungen über nationalsozialistische Ideo¬logie ver¬birgt. Allge¬mein gilt allerdings, daß nicht der aufkommende Nationalsozialismus sondern die kom¬munistische Gewalt¬herrschaft mit ihrem "expan¬sionistischen Pro¬gramm" den Baptis¬tengemeinden in Deutschland als die eigentliche Bedroh¬ung der christ¬lichen Gemeinde erschien. "Eine der Haupt¬sorgen war," schreibt Günter Balders, "daß der antichristliche Bolsche¬wismus in Deutschland Fuß fassen könnte, als dessen Vorreiter die fast eine Million Mitglieder starke 'Gottlosenbewe¬gung' der Frei¬denker und die sich weiter¬hin betont anti¬religiös artiku¬lierenden Sozial¬demokraten der Zeit ange¬sehen wurden" (Kurze Ge¬schichte der deut¬schen Baptisten, 86). Durch die enge Ver¬bindung der deut¬schen Baptisten zu den russi¬schen Baptisten¬gemeinden wird die Angst vor dem Kom¬munismus noch mehr geschürt, bekommt man doch dadurch eine detail¬lierte Kenntnis der schwie¬rigen Situation der christ¬lichen Kirchen in der Sowjet¬union (vgl. auch Strübind, Die un¬freie Frei¬kirche, 59-60). In Charlot¬tenburg ist diese Verbindung in besonderer Weise gegeben, da ein Kreis ehemaliger rus¬sischer "Evangeliums-Christen" Gastrecht in den Gemeinde¬räumen hat und 1941 - unter ihrem Pre¬diger Rudolf Vogel - um Auf¬nahme in die Gemein¬de bittet. Während der ersten drei Jahre des neuen Jahr¬zehnts erfolgen aller¬dings nicht nur außerhalb der Gemeinde in poli¬tischer Beziehung unheil¬volle Umwäl¬zungen, sondern auch innerhalb der Gemeinde steht man vor außer¬ordentlichen Schwierig¬keiten. Wäh¬rend in den ersten beiden Jahren des Dien¬stes von Samuel Link "eine ruhige, stete Ent¬wicklung" stattfindet, bringt das Jahr 1933 eine Krise, welche der Gemein¬de empfind¬liche Ver¬luste auf¬zwingt. Im Hinter¬grund dieser Krise stehen die Nach¬wirkungen der soge¬nannten "Berliner Er¬klärung" von 1909, in der durch die Evange¬lische Allianz die Pfingst¬bewegung als "wider¬göttlich" verurteilt und der Irrlehre bezichtigt wurde. Ein gewis¬ser Willi Weiß, der aus den Ver¬einigten Staaten eingereist ist und dort Mit¬glied einer Pfingst¬gemeinde - dem "Bethel Gospel Tabernacle" - in Rochester, New York, war, wird in die Gemeinde aufge¬nommen. Anschei¬nend stand hinter der Bitte um Auf¬nahme nicht zuletzt die Absicht, innerhalb der Ge¬meinde "missi¬onarisch" tätig zu wer¬den, im Sinne der Lehran¬schauungen der Pfingst¬bewegung. Da man über¬zeugt ist, daß Willi Weiß aus einer ameri¬kanischen Baptisten¬gemeinde kommt, gibt man ¬ dem enga¬gierten jungen Mann zunächst gerne Gelegenheit zur Mitarbeit, beson¬ders in der Station Siemens¬stadt, die seit 1912 in den Proto¬kollen der Gemein¬de erwähnt wird. Als sehr schnell deut¬lich wird, daß Willi Weiß durchaus nicht in der baptistischen Tradition steht und da¬mals um¬strittene Lehrmei¬nungen "pfingst¬lerischer Pro¬venienz" verbreitet, wird ihm durch den Vorstand jegliche seelsorgerliche Tätig¬keit und Ver¬kündigung unter¬sagt. Jedoch geht bereits ein Riß durch die Ge¬meinde, der schließlich auch den Hirten von der Herde tren¬nen soll. In die Ausein¬andersetzungen hinein¬gezogen, erklärt Samuel Link, daß er "nicht in der Geistes¬richtung der Bap¬tisten steht" und quittiert mit sofor¬tiger Wirkung seinen Dienst. Seine¬ Äußerun¬gen bezüg¬lich sogenan¬nter "Endzeit-Themen" hätten von Anfang an ver¬muten lassen können, daß er den Lehr¬überzeugungen der Pfingst¬bewegung gegen¬über durch¬aus aufge¬schlossen ist. Er gründet eine ei¬gene Gemeinde, die zum Teil aus Mitglie¬dern seiner ehemaligen Gemein¬de besteht und zunächst unab¬hängig operiert. Nachdem klärende Ge¬spräche zwischen Prediger Link und seiner ehemaligen Gemein¬de statt¬gefunden haben wird, wird die "Gruppe Link" auf eigenen Antrag hin bei der Vereinigungskonferenz der Berliner Baptistengemeinden 1934 als Gemeinde in die Vereinigung aufge¬nommen. So bestehen eine Zeit lang zwei Baptistengemeinden in Charlottenburg. Insge¬samt verliert die Gemein¬de in der Bismarckstraße im Zuge dieser Ausein¬andersetzung 120 Mit¬glieder, welche die Ge¬meinde in zwei Gruppen verlassen. So ver¬ringert sich die Mitglieder¬zahl im Jahre 1933 von 670 auf 560. Wäh¬rend sich diese Ent¬wicklungen im Gemeinde¬leben vollziehen, ist August Reck, der bewährte Ältes¬te der Gemeinde, über Monate hinweg krank und nur bedingt fähig, sein Amt aus¬zuüben. Auch diese Schwä¬che in der Leitung der Gemeinde hat sicherlich zur Eska¬lation der Krise beige¬tragen. Für eine Über¬gangszeit kann der ehe¬malige Pre¬diger der Gemein¬de, Johan¬nes Rehr, gewonnen werden, bis im August 1933 Franz Kuhl aus Breslau seinen Dienst als Nach¬folger von Sa¬muel Link antritt. Auch Schwester Ulrike beendet nach sechs Jahren ihren Dienst als Gemeinde¬schwester. Zu ihrer Nach¬folgerin wird Schwes¬ter Margarethe Piepereit, ebenfalls eine "Bethel"-Diakonisse, berufen. Das folgende Jahr 1934 steht für die Berliner Baptistengemeinden unter dem Zeichen eines großen Jubiläums und internationaler Begeg¬nungen. Der deutsche Baptismus feiert sein 100-jähriges Jubiläum! Zum einen bringt die aus diesem Anlaß betriebene Beschäf¬tigung mit der eigenen Geschichte eine Festigung der konfes¬sionellen Identität. Zum anderen erfahren die bis dahin unter Diskri¬minierung leidenden Gemein¬den für sie überraschend die öffentliche Aner¬kennung durch Staat und Presse. Mit Genugtuung stellt man fest: "Baptisten¬gemeinden sind im neuen Deutschland keine Fremdkörper, sondern Zellen Gottes, durch die Heil und Segen und neues Leben in unseren Volkskörper strömt" (Paul Schmidt, zit. nach Strübind, Die unfreie Frei¬kirche, 143). Das öffent¬liche Interesse und die Aner¬kennung kommen auch anläßlich des 5. Kon¬gresses des Weltbundes der Baptisten, der im August 1934 in Berlin stattfindet, zum Ausdruck. Interessanterweise fin¬det dieser Kon¬greß fast gegen die Zustimmung der deut¬schen Baptis¬ten statt. Denn bewo¬gen durch den Protest gegen den Anti¬semitismus des neuen deut¬schen Regimes und durch die Kritik am NS-Staat, die innerhalb des Welt¬bundes der Bap¬tisten - vor allem in den englischen und nord¬amerikanischen Bünden - geäußert wurden, gibt es im deutschen Bap¬tismus zunächst einen Konsens gegen die Abhaltung der Tagung in Berlin. In der noch unge¬klärten Situation unter der neuen Regierung fürchtet man den Vor¬wurf des "staats¬feindlichen Inter¬nationalismus". Zustande kommt der Kon¬greß in Berlin schließlich doch durch das deut¬lich gegen¬teilige Interesse der deut¬schen Behör¬den, denen an der publi¬zistischen Wirkung einer internationalen Konferenz in der deutschen Hauptstadt gele¬gen ist und die durch das Kirch¬liche Außenamt und das Auswärtige Amt aktiv auf die Durch¬führung des Kongresses hinwirken. Auch in der Friedenskapelle in ¬Charlottenburg findet am 7. August eine internationale Tagungs¬veranstaltung statt: die skandinavisch-balti¬sche Jugend trifft sich hier. Im Jahresbericht der Gemeinde von 1934 heißt es im Rückblick auf den Kon¬greß: "er wird uns unvergeßlich bleiben mit seinen gewaltigen Ein¬drücken." Im selben Bericht wird in einem Neben¬satz deutlich, wie subtil sich der Einfluß national¬sozialistischer Strukturen und Ideologie im Gemeinde¬leben bis in die Sprache hinein auswirkten: im Zusam¬menhang mit ihrem 25-jährigen Jubiläums wird die sogenannte "Schriften¬mission" als die "Sturm¬truppe" der Gemein¬de herausgestellt.¬¬¬¬¬ Wenig subtil dagegen ist der Eingriff des NS-Regimes in die Belange des baptistischen Gemein¬debundes im Februar 1934. Dies¬mal ist ein Herz¬stück baptistischer Arbeit betroffen, nämlich die Verbands¬jugendarbeit, die aufgrund ihrer asso¬ziierten Stellung zum Evan¬gelischen Jugendwerk und im Zuge der Gleich¬schaltung in die Hitlerjugend einge¬gliedert werden soll. Um einer ¬direkten Überführung in die Hitler¬jugend zuvorzu¬kommen, beschließen die frei¬kirchlichen Jugendvertreter am 8. Februar die Selbst¬auflösung ihrer Ver¬bände. Damit kann die baptistische Jugendarbeit nicht mehr in den Ver¬bänden und sogenannten "Ver¬einen" stattfinden, sondern kann nur noch gemeinde¬bezogen er¬folgen und muß neue Formen ent¬wickeln. Neben allen Umbrüchen gibt es immer wieder auch Zeichen der Konti¬nuität. Im Jahre 1935 feiert August Reck sein 25-jähri¬ges Jubi¬läum als Ältester der Ge¬meinde. Die Festpredigt hält Friedrich Wilhelm Simoleit, der "Bundesälteste" der deutschen Bap¬tisten. Alle Ältesten der Berliner Gemein¬den erscheinen vollzählig. Es wird deutlich, wie sehr der Jubilar geschätzt wird und er auch über Berlin hinaus bekannt geworden ist. Weniger als zwei Jahre später stirbt August Reck nach langer Krankheit und hinterläßt eine Lücke in der Gemeinde, die nicht leicht gefüllt werden kann, zumal kurz zuvor Franz Kuhl nach nur zwei Jahren Predigerdienst in Charlottenburg nach Hindenburg gewechselt ist. Er war in Ausein¬andersetzungen hineingezogen worden, die das Wirken Samuel Links in der Gemeinde verursacht hatte und die immer noch anhielten. Die Differen¬zen, die sich dadurch zwischen Prediger und Gemeinde ent¬wickelten, machten die Auflösung des Dienstver¬hältnisses nötig. So haben in nur zehn Jahren in der Charlot¬tenburger Friedenskapelle drei Pas¬toren ge¬wirkt, von denen zwei unter heftigen Ausein¬andersetzungen gingen. Nicht zuletzt weil die Wogen der Ausein¬andersetzung über lange Zeit nachwirkten, ist ¬verständlich, daß dies für die Ent¬wicklung der Gemein¬de nicht förder¬lich war. Am 1. April 1937 tritt Karl Schütte als siebter Predi¬ger der Gemein¬de seinen Dienst an. Im selben Jahr übernimmt Felix Kaiser das Amt des Ältesten - zu¬nächst nur kommis¬sarisch und ab 1943 offiziell. Unter neuer Lei¬tung werden auch neue Aufgaben wahrge¬nommen. So wer¬den nach fast vierzig Jahren wieder engere Kontakte zur Gemeinde "Bethania", mit der man den Weg der Selb¬ständigkeit unter einem gemeinsamen Predi¬ger begonnen hatte, geknüpft. Mittlerweile hat die "Bethania-Gemeinde ihren Standort in der Emde¬ner Straße in Berlin-Moabit. Zusam¬men wird an der Charlot¬tenburger Röntgen¬brücke eine Zeltmis¬sionswoche veran¬staltet. Dies wird nur eine unter vielen Zeltmissionsver¬anstaltungen blei¬ben, die in den näch¬sten Jahren und Jahr¬zehnten in Charlot¬tenburg statt¬finden werden. Gerade diese Form des missio¬narischen Gemeinde¬aufbaus war insbe¬sondere in den Nachkriegs¬jahren effektiv und be¬liebt. Neben der Frei¬heit in der Gemein¬dearbeit, die man genießt und die in missi¬onarischen Mög¬lichkeiten wie der Zelt¬mission zum Aus¬druck kommt, wird aber auch deut¬lich, wie an an¬deren Stellen die Regie¬rung die Entfal¬tung der Kir¬chen zu verhindern sucht. So wird der von der Station Siemens¬stadt für ihre Veran¬staltungen bisher genutz¬te Schul¬raum ohne Anga¬be von Grün¬den gekün¬digt, was verstan¬den wird als "eine jener Ma߬nahmen, die das religiöse Leben ein¬schnüren sollten." Die Stations¬arbeit wird aber weiter¬geführt in einer Garten¬laube, welche die Gemeinde erwirbt und im folgen¬den Jahr schon wieder aufge¬ben muß, weil das ge¬samte Gartengelände in der Ge¬gend dem "Woh¬nungsbau-Programm Charlottenburg-Nord" weichen muß. Die Versam¬mlungen finden nun als sogenannte "Stuben¬versammlungen" in Wohnun¬gen der Gemeindemit¬glieder statt. Im Jubiläumsjahr 1938 muß allerdings mehr als nur eine Gartenlaube aufgegeben werden. Auch von manchen treuen Mitarbeitern - wie dem langjährigen Vorstands¬mitglied Adolf Kassel und dem Hauptkassierer und Schriftführer Hein¬rich Müller -, die ent¬weder ver¬starben oder aus beruf¬lichen Gründen fortziehen, muß man Abschied neh¬men. Und verab¬schieden muß man sich nach dem 9. November auch von letzten Illu¬sionen über die Absichten des NS-Regimes dem jüdischen Volk gegen¬über. Bei den organisierten Gewaltaktionen gegen Juden und jüdische Einrich¬tungen in der soge¬nannten "Reichs¬kristallnacht" wird in nächster Nähe der Friedenskapelle die libe¬rale Syna¬goge von 1890 in der dama¬ligen Schulstr. 7 - heute Behaimstraße 11 - ge¬plündert und ange¬zündet. In den Rück¬blicken und dem Jahres¬bericht der Gemeinde wird aller¬dings mit keinem Wort auf dieses Ereignis hingewiesen oder angedeutet, wie diese Gewalt¬aktion erlebt und beur¬teilt wurde. So muß es unge¬klärt blei¬ben, ob in den Wor¬ten, die man vermißt, Gleichgültigkeit oder betroffenes Schweigen zum Aus¬druck kommt. In einem scharfen Kontrast zu dem zerstörerischen Geschehen im November des Jahres steht der Hinweis im Jahresbericht auf das 40-jährige Jubiläum der Gemein¬de, "das am 16. Oktober mit viel frohem Dank für den Frieden und den ruhigen Aufbau der Gemeinde begangen werden kann." Das Jubiläum bringt ein Wiedersehen mit zwei ehe¬maligen Predigern, Otto Muske und Dr. Hans Luckey, welche als Festredner anwe¬send sind. Lag schon auf den vorhergehenden Jahren der lähmende Druck des drohenden Krie¬ges, so kommen die Mitglieder der Gemeinde zu ihrer Jahresabschlußfeier 1938 in der Silves¬ternacht zusam¬men, um sich gegen¬seitig im Blick auf das kommende Jahr durch eine Auslegung von Psalm 62,2 Mut zuzusprechen: "Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft." In der "Geschichte der Baptistengemeinde Charlottenburg" von 1948 heißt es dann im Rück¬blick auf die Ereignisse des Jahres 1939: "Im Jahre 1939 begann der Weltenbrand, von frevelhaft gottlosem Macht¬wahn angezettelt, der soviel Blut gekostet hat, unendliches Herz¬weh über die Mensch¬heit brachte und die Welt in einen Kampf stürzte, in dem sie sich heute noch zerfleischt. Das Geschehen auf der Erde nimmt apoka¬lyptische Züge an, Mächte und Männer enthüllen sich als Vor¬bilder des letzten gewaltigen Weltherrschers, des Antichristen, den erst Christus mit seiner Erscheinung besiegen wird, um dann end¬lich das Reich des Friedens, der Wahrheit und der Gerechtigkeit auf Erden aufzu¬richten. Am 31. August flehte die Christenheit Gott noch um Erhal¬tung des Friedens an, den zu brechen Gewis¬senlosigkeit schon längst ent¬schlossen war. Am 3. September verabschiedete sich die Gemeinde in einer erschüt¬ternd ernsten Abendmahlsfeier von den Brü¬dern, die sofort zum Kriegsdienst einberufen wurden und denen in folgen¬den Jahren die Blüte unserer jungen Mannschaft bis hin zu den noch schul¬pflichtigen Knaben und die ergrau¬ten Männer folgte."

Wie schon in der Vergangenheit werden Krisenjahre wieder in apo¬kalyptischen Zügen gedeutet, was zum einen Hoffnung vermitteln soll und zum anderen suggeriert, daß das gegenwärtige Geschehen unaus¬weichlich sei und man sich darein fügen muß. Das Gemein¬deleben geht trotz aller kriegsbedingten Be¬schränkung weiter, auch wenn männliche Mitar¬beiter rar sind. Allei¬ne im ersten Jahr des Krieges werden 31 Mit¬glieder und Freun¬de der Gemein¬de, die zu der Zeit 571 Mitglieder zählt, zum Heeresdienst eingezogen. Im selben Jahr wird erwogen, einen zwei¬ten Prediger anzustellen, um Karl Schütte zu entlasten. 1940 beginnt Ernst Wank seinen Dienst an der Seite von Karl Schütte, mit dem Schwer¬punkt Jugendarbeit und Arbeit auf den Stationen der Ge¬meinde. Bereits weni¬ge Monate später wird er jedoch schon zum Militärdienst einge¬zogen. Auch Schwes¬ter Margarete verläßt die Ge¬meinde nach fast acht Jahren. Als ihre Nach¬folgerin im Amt der Gemein¬deschwester wird Schwes¬ter Friede¬rike Schmitt beru¬fen. Das Jahr 1941 bringt eine Veränderung, die nicht nur rein äußerer Natur ist, wohl aber in gewissem Sinne kriegsbedingt - und bis heute wirksam. Der Bund der Baptis¬tengemeinden in Deutsch¬land erhält einen neuen Namen: "Bund Evangelisch-Frei¬kirchlicher Gemeinden". Damit wird aus der Baptistengemeinde Charlot¬tenburg offiziell die "Evangelisch-Frei¬kirchliche Ge¬meinde Berlin-Charlottenburg". Zustande kommt diese neue Namensgebung durch den Zusammenschluß der Baptisten¬gemeinden mit dem sogenannten "Bund freikirchlicher Christen" (BfC?). Bereits im Jahre 1937 hatten Verhandlungen zwischen Bap¬tisten, BfC? und den Freien evange¬lischen Gemeinden begonnen, in denen man über eine Einigung der täuferischen Kirchen nachdachte. Nachdem sich die Freien evan¬gelischen Gemein¬den immer mehr distanzierten, wurde ein Zusam¬menschluß von Seiten der BfC?-Gemein¬den gesucht, weil 1940 die Ver¬sammlungen der Gemeinden dieser Benennung in Polen aufgrund der deutschen Invasion unter ein staatliches Verbot zu geraten drohten und sich dem BfC? nicht an¬schließen konnten, da der auf das "Alt¬reichsgebiet" be¬schränkt war. Auch fürchtete man eine Zwangs¬vereinigung mit ande¬ren Freikirchen. Um dem zuvor¬zukommen und in der Situation in Polen Abhilfe zu schaffen, suchte man einen Zusam¬menschluß mit den Bap¬tisten, der existenz¬sichernde Vorteile bot. So wurden aufgrund äuße¬ren Drucks schon begonnene zwischen¬kirchliche Ge¬spräche beschleu¬nigt, und im Februar 1941 fand die Grün¬dungsversammlung des Bundes Evangelisch-Frei¬kirchlicher Ge¬meinden in Deutsch¬land statt, in dem seit¬her zwei Frei¬kirchen inner¬halb gemein¬samer Strukturen und unter Bewah¬rung ihrer jeweiligen Identität miteinander existieren. Das Eingreifen der Behörden in die Angelegenheiten der Kirchen wird immer direkter. Manch¬mal betrifft es "lediglich" Äußerlichkeiten, die aller¬dings nicht geringen finan¬ziellen Auf¬wand bedeuten. So muß 1942 die gesamte Fassade des Wohnhauses aufgrund der Vorschriften für die Gestaltung der sogenannten "Ost-West-Achse", zu der auch die Bismarck¬straße gehört, mit einem Aufwand von 21.000,- Mark neu gestaltet werden. Zu anderen Gelegenheiten ist aber nicht nur die Fassade, sondern das "Innen¬leben" be¬troffen: die Stationsgemeinde Wilmersdorf muß ein Jahr nach ihrem 40-jähri¬gen Jubi¬läum aufge¬löst werden, weil die Behörden die Hergabe der benutzten Raeume als Wohnun¬gen ver¬langen und sich keine neuen Räumlichkeiten finden lassen. Gegen den Wunsch der Leitung des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, die¬ rät, daß sich die Mitglieder der nahegelegenen BfC?-Gemeinde in der Düssel¬dorferstraße anschließen sollen, schließt sich die Station der Mutter¬gemeinde an. Die Kriegsereignisse bedrücken immer stärker das Leben. Die Bomben¬angriffe stellen die seelische Widerstandskraft auf härteste Proben. Be¬reits 1941 mußte auf¬grund einer behördlichen Anordnung unter dem Gemeindesaal ein öffentlicher Luft¬schutzraum eingerichtet werden. Eine große Anzahl von Familien der Gemeinde, zuletzt sind es über 100, ver¬lieren ihre Wohnung und zum größten Teil ihren ganzen Besitz. Nicht we¬nige erleiden dieses Schicksal öfter als einmal. Das Dach der Kapelle wird mehrere Male zer¬stört, doch kann es durch die unver¬drossene Bereit¬willigkeit vieler Mitglieder immer wieder hergestellt werden. Im Jahres¬bericht von 1944 heißt es: "Sehr nahe ging der Todesengel an der Bismarck¬straße 40 vorüber, als am 30. Januar drei schwe¬re Bom¬ben in allernächster Nähe fielen. Die Häuser Richard-Wagner-Str. 3, 5 und 7 wurden dabei fast völlig zer¬stört, im Luft¬schutzraum wurden dort 69 Per¬sonen ver¬schüttet, von denen 46 nur als Leichen gebor¬gen werden kon¬nten. Das sofort aus¬brechende Feuer drohte auch auf unsere Gebäude überzugreifen, so daß die Wohnun¬gen von Schwester Friederike und Ge¬schwister Wank geräumt werden mußten, doch konnte der Brand loka¬lisiert werden. Durch den Luft¬druck wurden aber Dach und Gewöl¬be d¬er Friedenskapelle so schwer beschä¬digt, daß der Raum nicht mehr be¬nutzt wer¬den durfte und bei einem neuen schweren Angriff am 15. Febru¬ar stürzte das Gewöl¬be völlig ein. Fleißige Hände haben schon kurze Zeit danach den Schutt beseitigt und das Gestühl aus der Mitte unter den erhalten geblie¬benen Emporen in Sicherheit gebracht, um es vor gänz¬lichem Ver¬fall zu schützen." Trotzdem kann am Pfingst¬gottesdienst bei strahlendem Son¬nenschein ein Taufgot¬tesdienst "unter freiem Himmel" gefeiert wer¬den. Ansons¬ten werden die Ver¬sammlungen der Gemeinde im Gemein¬desaal und dem an die Kapelle angrenzenden Predigerzimmer ab¬gehalten, die unzer¬stört geblie¬ben sind, und wo man auch noch der Evange¬lischen Gemein¬schaft Gast¬recht ge¬währt, nach¬dem ihr Versam¬mlungsraum in der Kaiser-Friedrich-Straße zerstört wurde. Auch die Adventis¬tengemeinde kommt eine Zeit lang in diesen Räumen zusam¬men. Nach wochenlangen Straßenkämpfen in Berlin, bei denen das von Bom¬ben un¬versehrt geblie¬bene Wohnhaus beinahe noch durch Beschießung dem Feuer zum Opfer fällt, wird am 2. Mai 1945 der Waffenstillstand geschlossen und die sowjetische Rote Armee be¬setzt die Stadt. Der letzte Gottesdienst vor dem Abkommen muß am 29. April auf¬grund der anhal¬tenden Kämpfe im Hauskeller abgehalten werden, wo man bei fast pausen¬losem Einschlagen der Granaten betet. Neben den an der Front Gefal¬lenen beklagt man auch Mit¬glieder und be¬währte Mitar¬beiter, die noch während der letzten Tage des Krieges als Zivilisten in den Unruhen getötet wurden. Die Kriegsverluste der Gemeinde bestanden allerdings nicht nur in den Toten und Vermißten, die man beklagte, oder den inneren Verlusten an Vertrauen und Glauben "in die Obrigkeit", die nicht meßbar sind. Zum Teil waren Mitglieder der Gemeinde evakuiert wor¬den und sind nicht zurück¬gekehrt. Nicht wenige mußten an auswärtige Gemeinden über¬wiesen werden. Doch das Gemeindeleben beginnt sich trotz aller Ver¬luste und nach¬wirkenden Schrec¬ken langsam wieder zu normalisieren. Bereits ab Juli finden wieder sonntäglich zwei Gottesdienste statt. Nachdem der Westen Berlins von briti¬schen und ameri¬kanischen Truppen besetzt wird, kann kurz danach in der noch zer¬störten Frie¬denskapelle eine denk¬würdige Taufe stattfinden. Ein baptistischer Kaplan der ameri¬kanischen Besatzungstruppen tauft einen jungen Offizier, der sich in den letzten Kriegs¬tagen bekehrt hat. Man mag das als ein Hoffnungszeichen sehen, daß trotz menschen¬verachtender Zerstörung und allem inneren und äuße¬ren Zerbruch, den das Dritte Reich verursacht hat, Zukunft und Versöh¬nung ermöglicht werden.

Wiederaufbau und Neuorientierung 1946 bis 1959

Schon bald nach Beendigung des Krieges nimmt der Besuch der Gottes¬dienste merk¬lich zu. Nicht nur einige der evakuierten Mitglieder der Gemein¬de kehren zurück, son¬dern auch fremde Besucher finden sich ein. Es ist zu spü¬ren, daß Men¬schen unter den Schlä¬gen der Gegen¬wart nach Halt und Sinn suchen. Der Gemeindepastor Karl Schütte nimmt die Gelegen¬heit war und macht ein spezielles Angebot: Glaubensgespräche für "su¬chende Men¬schen", sogenannte "Heilsstunden". Diese Veran¬staltungen werden dank¬bar ange¬nommen, und nicht wenige der Besucher schließen sich der Gemeinde an. So werden in den ersten drei Jahren nach Kriegsende 90 Menschen in der Friedens¬kirche getauft. Schwester Friederike und Ernst Wank, der nach seiner Rückkehr aus der Kriegs¬gefangenschaft vertretungsweise in der Gemeinde in Leipzig gear¬beitet hat und nun als deren Prediger berufen wurde, verabschieden sich von der Gemeinde im Jahre 1946. Schwester Esther Schüttel wird noch im Mai desselben Jahres als Gemeindeschwester be¬rufen. Trotz der fast lückenlosen Nachfolge in diesem Amt, wird die Beanspruchung des Predi¬gers durch seelsorgerliche Aufgaben und den Wiederaufbau der Gemein¬de immer größer. So stimmt die Leitung der Gemeinde nur zögernd zu, als Karl Schütte von der Bundes- und Vereinigungsleitung den Auftrag erhält, für eine Woche jeden Monat die sich in Vor¬pommern und Mecklen¬burg neu bil¬denden Flüchtlingsgemeinden zu betreu¬en. Die Lage wird nicht vereinfacht dadurch, daß Felix Kaiser seit Kriegsende außerhalb von Berlin lebt und 1947 sein Ältestenamt niederlegt, weil aus beruflichen Gründen eine Rück¬kehr nach Berlin unmöglich wird. An seiner Stelle beruft die Gemein¬de Rein¬hold Tho¬mas in das Amt des Ältesten. In der Station in Siemensstadt nimmt man die Arbeit wieder außerhalb der Wohnungen im Jugendheim Schuckertdamm auf. Lediglich die Sonntag¬schularbeit findet zunächst noch in der Notwohnung des Ehepaars Timm statt. Als sich jedoch schon bald sonn¬täglich regelmäßig 70 Kinder ein¬finden, wird auch dieser Zweig der Stationsarbeit in das Jugendheim verlegt. Derweil hat man in der Muttergemeinde bereits 1946 Überlegun¬gen zum Wiederaufbau der Kapelle angestrengt. Der erste Kostenan¬schlag beläuft sich auf 30.000,- Mark. Jedoch wird es bald deutlich, daß diese Summe ver¬mutlich um ein Mehr¬faches überschritten werden muß. Man beschließt, auf der West¬seite drei Fenster durch¬brechen zu lassen, um im Gottesdienstraum mehr Licht zu schaffen. Zugleich wird das Fen¬ster auf der Nordseite hinter der Kanzel bis auf die Rosette zuge¬mauert. Das¬selbe Schicksal ereilt das Fenster auf der Südseite hinter der Orgel. Erheb¬liche, unvor¬hergesehene Arbeiten sind nötig, um die Seiten¬wände, die durch den Luft¬druck der Bombenexplosionen aus dem Ver¬band ge¬drückt worden waren, und die Dach¬konstruktion ordnungsgemäß wieder¬herzustellen. So muß der Zeitpunkt der Kapel¬leneinweihung immer wieder hinausge¬schoben werden, bis in das Jubiläums¬jahr 1948. Am 22. Fe¬bruar findet die feierliche Einweihung der wiederaufgebauten Frie¬denskapelle statt, an dem auch Vertreter der Militärregierungen und der städtischen Behör¬den teilnehmen. Die gesamten Baukosten belaufen sich schließlich auf 228.000,- Mark, von denen die Hälfte durch freiwillige Spenden der Mitglie¬der gedeckt werden. Der Initiative des Ältes¬ten Rein¬hold Thomas ist es zu verdanken, daß die Bauarbeiten vor dem Eintritt der Währungs¬reform, welche die Gemeinde vor neue, fi¬nanzielle Belas¬tungen stellt, abge¬schlossen wer¬den. Im Jubiläumsjahr muß man auch Abschied nehmen von dem langjährigen Prediger Karl Schütte, der eine Stelle als Schriftleiter im "Oncken-Verlag" des Bun¬des Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden annimmt. David Gritzki aus Halle wird noch im August des¬selben Jahres als Prediger berufen und im April 1949 in den Gemein¬dedienst in Charlot¬tenburg einge¬führt. Wäh¬rend sich der innere und äußere Aufbau der Gemeinde stetig voran¬bewegt, spitzt sich die Krise in der besetzten Stadt, die in einen ameri¬kanischen, einen englischen, einen französischen und einen sowjetischen Sektor aufgeteilt ist, immer weiter zu. Zunehmend wird deutlich, daß die Interes¬sen und Ziele der sowje¬tischen Besatzungs¬macht denen der West¬alliierten entgegen laufen. Die Ausein¬andersetzungen finden einen vorläufigen Höhepunkt, als die sowjetische Militär¬verwaltung Mitte 1948 für ihre Besatzungszone und für alle vier Sektoren Berlins die "Ostmark" einführen. Da diese Maßnahme den Viermächtestatus Berlins verletzt und außerdem die wirt¬schaftliche Abhängigkeit der Westsektoren vom sowjetisch besetzten Teil Deutsch¬lands bedeutet, nehmen die West¬alliierten diesen Schritt nicht tatenlos hin und verfügen die Außer¬kraftsetzung der sowjetischen Anordnung. Die drei westlichen Stadt¬kommandanten von Berlin führen für West-Berlin die schon in der "West¬zone" geltende "Westmark" ein, was die sowjetische Besatzung prompt mit der Blockade der Berliner Westsektoren beant¬wortet. Der einzige Ausweg unter Verzicht auf eine militä¬rische Konfron¬tation ist die Versor¬gung West-Berlins auf dem Luftwege. Zwischen dem 28. Juni 1948 und dem 12. Mai 1949 fliegen amerikanische und britische Piloten in insge¬samt fast 280.000 Flügen mehr als 2 Millionen Tonnen Güter nach West-Berlin. In dieser Zeit wird die Stadt praktisch geteilt. Die administrative Spaltung wird am 30. November 1948 durch die Ausrufung des soge¬nannten "provisorischen demokratischen Magistrates" in Ost-Berlin voll¬zogen. In der Chronik der Gemeinde ist von diesen Ereignissen und ihren Auswir¬kungen auf das Leben in der Gemeinde und das ihrer Mitglieder merk¬würdigerweise mit keinem Wort die Rede, so wie auch später eines der einschneidendsten Ereignisse in der Ge¬schichte der Stadt - der Mauerbau von 1961 - vollkommen unerwähnt bleibt. Dabei erinnern sich Zeitzeugen, daß die Blockade Berlins durchaus ihre Auswirkungen im Gemeindeleben hatte. Des öfteren bringen Mitglieder Preßkohlen mit, damit in den Gemeinde¬räumen während der kalten Monate geheizt werden kann. Während der Stromsperren, als keine Straßenbahn fährt, kommen man¬che zu Fuß zum Teil aus weit entfernt gelegenen Bezirken wie Neu¬kölln in die Versam¬mlungen in der Charlot¬tenburger Friedens¬kapelle. Hilfe in politisch und wirtschaftlich brisanter Zeit kommt allerdings nicht nur von außen und "oben", sondern wird auch innerhalb der Gemeinde selbst organisiert. So gibt es für Rentner und Arbeitslose 1951 Fahrgeld aus der sogenannten "Unterstützungskasse" und man kümmert sich intensiv um bedürftige Mitglieder. Das diakonische Anliegen der Gemein¬de wird in den Jahren zwischen 1952 und 1955 dann in konkreter Weise be¬dacht: man plant den Bau eines Altenheimes auf dem gemeinde¬eigenen Grundstück in der Kirsch¬enallee. Die Konkretisierung der Pläne gestaltet sich allerdings schwieriger als gedacht, und die Bemühun¬gen um den Erwerb eines zusätzlich nötigen Grund¬stücks scheitern endgültig 1955. In der Zwischenzeit finden manche besonderen Ereignisse in der Friedens¬kapelle statt. Evangelisationswochen werden zum Beispiel fast jährlich veranstaltet - nicht selten zwei¬mal im Jahr. Das missionarische Engagement der Gemeinde bleibt nicht ohne Frucht. Je¬des Jahr werden regelmäßig eine große Zahl von Menschen, die der Kirche und dem christ¬lichen Glau¬ben entfrem¬det waren, getauft. Im Jahre 1953 zählt die Ge¬meinde 800 Mit¬glieder. Im selben Jahr - wie auch schon zwei Jahre zuvor - ist die " Bundes¬konferenz" des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden zu Gast in der Frie¬denskapelle. Dies bedeutet nicht nur die Mitarbeit vieler, sondern auch manche finan¬zielle Investition, da man im Blick auf diese Veranstaltung, bei der Repräsentanten aller Bundes¬gemeinden anwesend sein werden, verbliebene Kriegsschäden an Haus und Kapelle beseitigen will. Überhaupt hat es mit dem Bauen und Umbau¬en kein Ende. 1956 geht ein weiterer größerer Umbau der Gemeinde zu Ende, so daß wieder einmal eine Einweihung gefei¬ert wird. Im Jahre 1958 findet nach fünfzig Jahren der zweite Europäische-Baptis¬tische Kongreß in Berlin statt. Drei Spruchbänder in der Deutsch¬landhalle ver¬künden das The¬ma: "Christus unsere Hoffnung - Europa unsere Verant¬wortung." Beim Anblick dieses Mottos werden viele Besucher an andere Banner erinnert, die ja vor nicht langer Zeit in Berlin und anders¬wo prangten, um den Haß zwischen den europäischen Völkern zu schüren. Diesmal ist die Botschaft eine verbindende und versöhnliche. Die Berliner Gemein¬den wer¬den durch die Großver¬anstaltung stark bean¬sprucht. Auch in der Gemeinde Charlot¬tenburg setzt man sich ein. Vor allem Quartiere für aus¬ländische Kongreßgäste werden benö¬tigt. Selbst zum Teil in nur dürftig ausge¬statteten Zwei-Zimmer-Wohnungen le¬bend, kom¬men man¬che Gemeindemitglieder für die Tage des Kongresses auf eng¬stem Raum in Kon¬takt mit den euro¬päischen Nach¬barn. "Der Tages¬spiegel" vom 31. Juli 1958 berich¬tet über den Kon¬greß: "Man kann über Glaubensformen streiten, aber nicht über Begeisterung und Hingabe der Gläubigen. 'Wir hoffen auf Christus, denn wir sind Christen, und dies ist Christen¬tum', sagte der Engländer Dr. G. R. Beasley-Murray. Mit mutiger Selbstkritik betrachtete man das Wirken der Gemein¬den und das Verhalten der Mitglieder. ... Faßt man alle Ein¬drücke, die dieser Kongreß hinterließ, zusammen, so kann auch der Außenstehende das hohe Maß an Verant¬wortungsbewußtsein nicht leugnen. Die Baptisten sind inner¬halb des Christentums nur eine - wenn auch bedeu¬tende - Gruppe, aber sie sind wie alle Christen beauf¬tragt, den christlichen Ursprung Europas in leben¬dige Gegenwart zu ver¬wandeln."

Der Älteste der Gemeinde, Reinhold Thomas, der die Gemeinde in der Aufbau¬phase mit viel Einsatz und Umsicht geleitet hat, stirbt im August 1958. Vorübergehend über¬nimmt der Prediger David Gritzki dessen Amt mit. Er wird jedoch bereits im folgenden Jahr als Prediger und Seelsorger in das Diakoniewerk Bethel berufen. Der Nachfolger David Gritzkis, Ernst Krischik, der im Mai 1959 seine Arbeit in Charlottenburg beginnt, über¬nimmt beide Ämter für die nächsten vier Jahre.

Expansionspläne im Mauer-Berlin 1960 bis 1972

Die Unzufriedenheit im Ostteil der Stadt ist in den letzten Jahren immer mehr gewach¬sen. Nachdem der Aufstand vom 17. Juni 1953 von Ver¬bänden der Roten Armee brutal nieder¬geschlagen wurde, entschieden sich immer mehr Menschen zur Flucht aus der DDR, oft über die "offene Grenze" nach West-Berlin. Allein im Jahre 1953 waren es fast 300.000. Im Verlaufe der Jahre von der Gründung der DDR im Jahre 1949 bis 1961, schätzt man, haben ungefähr 3, 6 Millionen Menschen ihrer Heimat im Osten Deutsch¬lands den Rücken gekehrt. In diesen Jahren nimmt auch die Gemeinde in der Frie¬denskapelle neue Mitglieder auf, die aus Ostbezirken der Stadt und der DDR nach West-Berlin kom¬men. Die völli¬ge Abrie¬gelung der DDR und Ost-Berlins vom Westen soll die immense Flucht¬bewegung stoppen. Am 13. August 1961 wird diese Ma߬nahme grau¬same Wirk¬lichkeit, zunächst in Form von Stacheldrahtsperren und Tage später durch die nahezu unüber¬windliche Mauer. Einige wenige Mitglieder, die in Ost-Berlin wohnen, werden da¬durch von der Gemeinde getrennt. Jeglicher persönlicher Kontakt zwischen den Be¬wohnern der Osthälfte und der Westhälfte der Stadt ist bis zur Jahres¬wende 1963/64 unmöglich. Bereits 1960 kann man aber über die deutsch-deutsche Gren¬ze hinweg den ersten Rundfunkgottesdienst aus der Friedenskirche hö¬ren. Die diako¬nische Fürsorge inner¬halb der Gemeinde wird in diesen Jahren eine immer grö¬ßere Auf¬gabe, so daß man beschließt, eine zweite Gemeinde¬schwester zu berufen. 1961 be¬ginnt Schwester Lydia Stelle ihre Arbeit neben Schwester Elsbeth Kritzsch, die aller¬dings schon ein Jahr später nach 10-jährigem Dienstjubiläum ausscheidet. Ihre Nach¬folgerin wird 1961 Schwester Inge Pewe. Ihr zur Seite steht von 1967 bis 1969 Schwes¬ter Elly Petereit. Als Schwester Inge 1971 in die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Berlin-Wedding wechselt, wird Schwester Chris¬ta Hummel als Gemeindeschwester berufen. Auch was die Pastoren angeht, so gibt es in dieser Phase der Gemeinde¬geschichte Veränderungen, die nicht unwesentlich mit einem Projekt zusammenhängen, das die Gemeinde über Jahre hinweg zunehmend beschäftigt, wenn nicht gar beherr¬scht: dem soge¬nannten "Bauvorhaben Charlottenburg Nord". Bereits 1961 begin¬nen Überlegun¬gen, das Grund¬stück in der Kirschenallee zu verkaufen, um mit Hilfe des Erlö¬ses ein Grund¬stück in Siemens¬stadt kaufen zu können, wo die Stationsarbeit mit viel Enga¬gement, aber unter Raumnot getan wird. Im Jahr 1962 wer¬den kon¬krete Verkaufs¬verhandlungen geführt, die Ende des Jahres auch zu einem positiven Ab¬schluß kom¬men. Das Grundstück, auf welchem dem Erblasser zufolge ein "Missions¬zentrum" errichtet werden sollte, wird für 32.500,- Mark verkauft. Der Verkauf¬serlös soll für den Er¬werb eines neuen G¬rundstücks in besser geeigneterer Lage ver¬wendet werden, um dort eine Stations¬gemeinde zu gründen. Im selben Jahr wird neben Ernst Krischik ein zwei¬ter Prediger mit einer halben Stelle angestellt: Harold Eisenblätter soll schwer¬punktmäßig in Siemens¬stadt tätig werden, neben seiner Aufgabe als Jugendpastor der Vereinigung der West-Ber¬liner Gemein¬den. Man möchte als Gemeinde in einem neu entstehenden Stadtteil östlich des Kurt-Schu¬macher-Damms, zwischen Goerdelerdamm und Hecker¬damm Fuß fassen und bewirbt sich 1963 beim Stadtplanungsamt Charlot¬tenburg um Berücksichtigung für ein Grund¬stück, welches dann - 3000 m2 groß und nördlich des Heckerdamms gelegen - im Frühjahr 1965 erwor¬ben wird. Ernst Krischik, der das "Bauvorhaben Charlottenburg Nord" mit viel Einsatz voranzubringen versucht, schreibt im "Gemeindebrief" vom Juni 1966 unter der Überschrift "Charlottenburg Nord! - Ein Wegweiser Gottes?": "Auf dem Grundstück soll ein Jugend- und Gemeindeheim und ein Wohn¬haus mit 16 Wohnungen errichtet werden. Das Wohnhaus wird mit sozialen Wohnungsbaumitteln erstellt. Das Jugend- und Gemeindehaus haben wir selbst zu finanzieren. Dieses Bauvorhaben ist nur durch¬führbar, wenn wir durch besondere Bauopfer im Laufe der näch¬sten drei Jahre einen Baufonds anlegen. Wir glauben, daß sich uns für unseren Missionsauftrag eine Tür öffnet, wäh¬rend sich bisher in Siemensstadt die Türen geschlossen haben. Alle unsere Bemühungen um die Station Siemens¬stadt sind dadurch sehr behindert, daß wir dort keine Raeume haben. ... Da das neu erworbene Grundstück nur etwa 30 Minuten Fu߬weg von dem bisherigen Schulraum entfernt liegt, dürfen wir diese Missions¬möglichkeit nicht nur als eine offene Tür für Charlottenburg-Nord selbst, sondern auch für unsere Geschwister in Siemens¬stadt ansehen. Die Arbeit in Siemensstadt krankt seit den 30er Jahren an diesen Raumproblemen. Wenn sich uns nun eine Lösung anbietet, sol¬lten wir sie dann nicht an¬nehmen? Fürsorgliche Eltern helfen ihren Kin¬dern zu einem guten Existenzstart in das Leben."

Das Thema beschäftigt Gemeinde und Gemeindeleitung über Jahre. Man¬che Probleme juris¬tischer und behördlicher Art, sowie ¬wechselnde Konzeptionen für das Bauvorhaben erschweren die konkrete Umsetzung des Projektes, sind aber offensichtlich nicht unüber¬windlich. Auch die finan¬ziellen Herausforderungen kann man scheinbar meistern. Nach¬dem Harold Eisen¬blätter von der Gemein¬de 1966 verab¬schiedet wird, beruft man 1969 als zweiten Pre¬diger Heinz-Rainer Schr¬oer, der - neben der Verant¬wortung für die Jugenda¬rbeit der Gemein¬de - schwer¬punktmäßig in "Charlot¬tenburg-Nord" arbeiten soll. Eine Umfrage, die er durchführt, ergibt, daß es innerhalb der Ge¬meinde durchaus unter¬schiedliche und gegensätzliche Vor¬stellungen gibt, was die Ziel¬setzung für das Bauvor¬haben be¬trifft. Die Mehrheit der Gemeinde identifiziert sich nicht mit dem Projekt. Daher werden die Bauabsichten und Planungen nach fast einem Jahr¬zehnt immer frag¬licher. Zu diesem Zeitpunkt teilt Ernst Kri¬schik der Gemein¬de mit, daß er seinen Dienst in Charlot¬tenburg für be¬endet an¬sieht, und wird im März 1972 verab¬schiedet. Auch Heinz-Rainer Schroer verläßt die Gemein¬de im selben Jahr und wech¬selt in die Ge¬meinde Nürnberg-Vestnertorgraben, da er mangels einer klaren Konzep¬tion für "Charlottenburg-Nord" seine ursprüngliche Aufgabenstel¬lung nicht mehr als gegeben ansieht. Auf Empfeh¬lung der Gemein¬deleitung beschließt die Gemeinde am 9. Juli 1972, von dem Bauvor¬haben in Char¬lottenburg-Nord Abstand zu nehmen. Wenn das Projekt auch über fast ein Jahrzehnt beherrschendes Thema war, so war es ¬aber doch nicht alles beherr¬schend. Neben den großen Visionen hat die Routine des Gemein¬delebens ihre eige¬nen Themen: 1960 werden die Kneipen¬räume im Vorder¬haus frei, so daß sie nach Renovierung für die Jugendarbeit genutzt werden können. Zeltmis¬sionswochen werden fast jedes Jahr durchgeführt. Rudi Sprenger wird 1963 als Gemein¬deleiter gewählt. Im selben Jahr entsteht eine neue Gemein¬degruppe für junge Ehepaare. Zusammen mit anderen Berliner Gemeinden arbeitet man 1966 bei einer Großevangelisation mit Billy Graham mit. Trotz aller missiona¬rischen Be¬mühungen, stellt man aber fest, daß der Gemein¬deaufbau stagniert. Die sogenannte "moderne Theo¬logie" beun¬ruhigt die Ge¬müter und die Gemein¬den und wird für manche negativen Ent¬wicklungen verant¬wortlich gemacht. Im Jahre 1967 wer¬den der Ge¬meinde die Rech¬te einer "Körper¬schaft des öffent¬lichen Rechts" ver¬liehen. Im selben Jahr, in dem der Rechtsstatus der Gemeinde geklärt wird, ereignet sich aber nicht weit entfernt von der Friedenskapelle etwas, das vielen jungen Menschen Fra¬gen über Recht und Gerechtigkeit aufgibt und einen schwelenden Generationenkonflikt zum Ausbruch bringt. Der Student Benno Ohnesorg wird im Hof des Hauses Krumme Straße 66 wäh¬rend einer Demonstration gegen den Schah von Persien von einem Polizis¬ten er¬schossen. Sein Tod wird zu einem Signal für die sich bil¬dende außerparla¬mentarischen Bewe¬gung. In den Tagen und Wochen nach diesem Vorfall ziehen Stu¬denten protes¬tierend mit ihren Bannern durch die Straßen, darunter auch Studenten aus der Gemein¬de Charlot¬tenburg. Der Studentenkreis der West-Berliner Vereinigung verfaßt in Reak¬tion auf den Tod Benno Ohnesorg ein Schreiben, damit Kenntnis von dem Vorfall genom¬men und das Geschehen aus der Sicht christ¬lichen Studenten be¬leuchtet wird. Als man dieses Schreiben in der Friedens¬kapelle verteilen will, wird dies den Studen¬ten von Ernst Krischik untersagt. Die Symptome des Konflikts zwischen den Ge¬nerationen sind - wenn auch längst nicht so drastisch wie an anderen Orten in der Gesell¬schaft - auch in der Gemein¬de Berlin-Charlottenburg vorhanden. Das wird nicht nur an diesem Zwischen¬fall deutlich, bei dem das Material dann schlie߬lich auf der Stra¬ße an die Mitglieder der Gemeinde verteilt wird und auch dieses Verhal¬ten noch Un¬willen hervor¬ruft. Kritik an der Jugend und ihren Methoden wird in den Proto¬kollen der Gemein¬de zwi¬schen 1964 und 1966 des öfte¬ren geäußert. Mal ist es die Leitung der Gemein¬dejugend, mal eine Jugend¬veranstaltung während der Vereini¬gungskonferenz, welche die Kritik auf sich ziehen. Eine neu entstandene "Teen Group" löst 1965 nicht zuletzt aufgrund von moderner musika¬lischer Gestaltung bei der Gemein¬deleitung große Beden¬ken aus. Dies führt zu dem Be¬schluß, die Arbeit sofort einzustellen. Ein Genera¬tionswechsel in der Ge¬meinde ist aber unauf¬haltsam und wird sich in weni¬gen Jahren auch in der Leitung der Gemein¬de durch¬setzen.

Charisma und Mission 1973 bis 1989

Im Jahr 1973 beginnt Willi Bergemann seinen Dienst als Pastor und tritt die Nachfolge von Ernst Kri¬schik in Charlottenburg an. Im selben Jahr wird eine neue Gemeinde¬ordnung beschlossen, die es nötig macht, daß der Vorstand geschlossen zurücktritt und eine neue Gemeindeleitung gewählt wird, aus der heraus dann Älteste berufen werden. Dr. Wolfhard Margies, der im Jahr zuvor das Amt des stellvertretenden Gemeinde¬leiters über¬nommen hat, wird geschäftsführender Ältes¬ter. Bereits 1967 hatte er daran erin¬nert, durch Offenheit gegenüber neuen Metho¬den, das Gemein¬deleben zu akti¬vieren, und dabei an Kleingruppen gedacht, in denen intensive Schulung von Mitgliedern der Gemeinde stattfinden kann. Joachim Jäger und Günter Spielmann werden von der Gemein¬de als wei¬tere Mitglie¬der des Ältestenkreises bestätigt. Ab 1974 findet neben dem Sonntags¬gottesdienst jeweils samstags ein Abendgottesdienst unter der Leitung von Wolf¬hard Margies statt, der in seinem Stil über die Jahre hin¬weg immer deut¬licher charis¬matisches Erleben widerspiegelt und einen relativ festen Teilneh¬merkreis hat - den soge¬nannten "Ruach-Kreis", eine Grup¬pe, die zum größten Teil aus jun¬ger Erwachsenen der Charlot¬tenburger Gemein¬de und anderer Berliner Kir¬chen und Freikirchen be¬steht. Nach¬dem Wolf¬hard Margies 1975 von einem halbjährigen Aufent¬halt an einer Bibel¬schule in den Vereinigten Staaten zurück¬kehrt, ¬verselbständigt sich diese Grup¬pe inner¬halb der Gemein¬de immer mehr und ihre Veran¬staltungen und Theo¬logie bieten häufig Gesprä¬chsstoff im Leitungs¬kreis der Gemein¬de, insbe¬sondere nach¬dem Wolf¬hard Margies 1975 aus der Gemeinde¬leitung aus¬scheidet. Günter Spiel¬mann tritt die Nach¬folge als geschäfts¬führender Ältes¬te an und wird in diesem Amt mit gro¬ßem persön¬lichen Einsatz fast 25 Jahre prägend wirken. Willi Bergemann hat gleich zu Anfang seiner Arbeit in Charlottenburg ein Signal für die näch¬sten zehn Jahre gesetzt, indem er evangelistische Gesprächsabende veran¬staltete. Immer wieder spielen in dieser Zeit evangelistische Veran¬staltungen eine wich¬tige Rolle im Gemeindeleben. Aber es sind nicht nur Gro߬evangelisationen und Zeltmis¬sionswochen, sondern auch die kontinuierlich nach außen gerichtete Arbeit der Ge¬meinde wird gefördert. So entsteht zum Beispiel 1977 eine sogenannte "Tee¬stube" im Ladenlokal an der Bismarckstraße, und daneben 1979 eine "Bücher¬stube", in der christliche Literatur angeboten wird. 1975 über¬nimmt man die Patenschaft für die Neulandmissions-Gemeinde in Lands¬hut. Schau¬t man in die Gemein¬destatistik, so scheinen all diese Aktivi¬täten unmittelbaren Erfolg gehabt zu haben. Jedoch ist die Mitgliederzahl vor allem seit 1975 in die Höhe geschos¬sen, weil eine koreanische Gemein¬de, die Gastrecht in der Friedenskapelle genießt, komplett aufge¬nommen wird. Zu beson¬deren Gelegenheiten und Festzeiten gibt es immer wieder Berührungspunkte zwischen den "alteingesessenen" Mitglie¬dern der Gemeinde und den asiatischen Neuan¬kömmlingen. Wegen der Sprach¬schwierigkeiten bleibt der kore¬anische Kreis aber eine "Gemeinde in der Gemeinde" und zum Gottesdienst und anderen Veran¬staltungen für sich. Als innerhalb der koreanischen Gemeinde die Gruppe der Presbyterianer wächst und einflußreich wird, erklärt sich Pastor Li bereit, auf deren Wunsch hin auch Säuglingstaufen durchzuführen. Da Spannungen zur baptistischen Grundauffassung von Gemeinde und Gemeindemitglied¬schaft offensichtlich sind, beschließt die Leitung der kore¬anischen Grup¬pe, eine selbstständige Gemeinde zu gründen und trennt sich 1979 von der Gemeinde in der Friedenskapelle. Größere bauliche Veränderungen ergeben sich 1974. Eine Renovierung der Kirchen¬innenräume ist notwendig geworden, sowie auch die Er¬stellung eines größeren Gemein¬desaals als Mehrzweckraum. Auch eine neue Orgel ist in Auftrag gegeben. Während der Um¬bauarbeiten ist die Gemeinde, wie auch schon bei einer Renovierung zehn Jahre zuvor, Gast in der Evangelischen Lietzenseekirche. Das Ende der umfang¬reichen Renovierung und die Einweihung der neuen Lötzerich-Orgel wird am 6. Oktober 1974 festlich began¬gen. Einen Monat später beendet Schwester Christa ihren Dienst als Gemeinde¬schwester. Das Diakoniewerk Bethel teilt mit, daß für die nächste Zeit keine Diakonis¬sen mehr als Gemeinde¬schwester zur Verfügung stehen. So wird 1975 als neue Ge¬meindeschwester Brigitte Golbeck, eine ehemalige Krankenschwester, berufen. 1980 hat sich der Kreis um Wolfhard Margies in Wilmersdorf etabliert und bleibt in seiner theologischen Ausrichtung und seiner Zielsetzung in der "Muttergemeinde" um¬stritten. Als die Grup¬pe anfragt, ob sie offiziell als Stationsgemeinde der Evangelisch-Frei¬kirchlichen Gemein¬de Berlin-Charlot¬tenburg ausgesandt werden kann, kommt es in einer Gemeinde¬versammlung zur Abstimmung. Mit knapper Mehrheit spricht sich die Gemein¬de dagegen aus, daß diese "Station" offiziell über¬nommen wird. So trennt sich die Gruppe von der Hauptgemeinde und gründet eine selb¬ständige Gemein¬de, die sich zunächst als "Evan¬gelische Freikirche Wilmers¬dorf" be¬zeichnet, bald aber schon "Philadelphia-Gemeinde" heißt. Heute ist sie als "Gemeinde auf dem Weg" bekannt. Bei der Tren¬nung verlassen ungefähr 20 Mitglieder die Charlottenburger Gemein¬de, so daß die Statistik am Ende des Jah¬res 1980 noch 385 Mitglieder ver¬zeichnet. Im Rückblick heißt es für das Jahr 1981 in der Chronik, die anläßlich des 90. Jubiläums herausgegeben wurde: "Die Spannungen des Vor¬jahres wirken sich noch aus. Es ist das Bestreben nach Verstän¬digung, einem neuen Anfang und nach Frieden." Die "Routine" des Gemeindelebens sorgt besonders in ihren evangelistischen Dimen¬sionen für Kontinuität bei allem, was als Umbruch empfunden wird. Ein missionarisches Haus¬fest findet guten Anklang unter der Bevölkerung. Die regelmäßige Tee¬stubenarbeit und evangelistische Straßen¬einsätze in der nahege¬legenen Fußgängerzone setzen Akzente im Gemein¬deleben. Willi Berge¬mann verläßt Charlottenburg nach fast zehnjähriger Tätig¬keit in spannungs¬reicher Zeit, um als Pastor nach Aachen zu wech¬seln. Als sein Nach¬folger beginnt Horst Joost im August 1983 seinen Dienst. In diesem Jahr wird aber nicht nur ein "Haupt¬amtlicher in Sa¬chen Religion" nach Charlot¬tenburg berufen, son¬dern auch eine "Haupt¬amtliche" von Charlot¬tenburg ausgesandt: Ingrid Maier, die in Charlotten¬burg Mitglied ist, geht als Hebam¬me im Auftrag der Euro¬päischen Baptis¬tischen Missionsge¬sellschaft nach Kamerun. Fünf Jahre später folgen ihr zwei weitere Gemeinde¬mitglieder, die im Auf¬trag der¬selben Missions¬gesellschaft in Südkamerun arbei¬ten: Jörg und Manuela Rei¬necke. 1985 werden Günter Spielmann und Joachim Jäger erneut als Älteste berufen und im fol¬genden Jahr durch die Gemeindever¬sammlung bestä¬tigt. "Gemeinde - Ort heilender Gemeinschaft", so lautet das Thema einer Familienfreizeit 1983. Darin wird deutlich, daß auch die Trennungen in der Vergangenheit bei allem Ernst, der darin lag, nicht des¬illusionierend ge¬wirkt haben. Man will einladend Gemeinde gestalten und zur Gemeinde einladen. Das Ladenlokal an der Straßenfront bietet sich hierzu an. Die Jugendgruppe veranstaltet regelmäßig sogenannte "Coffiebar"-Abende, bei denen man Themen des christlichen Glaubens zeitgemäß für junge Menschen ver¬mittelt. Hierzu werden die an der Straße gelegenen Raeume zu einem Café umgestaltet. Kleinkunst und evangelistische Kurzan¬sprachen stehen auf dem Programm. In den¬selben Räumen entsteht auch ein Schülertreff, der an mehreren Nachmittagen in der Woche statt¬findet, und wo Schularbeitshilfe angeboten wird und den Gästen mit Ralf Arndt, einem ehemaligen Drogenabhängigen, ein Ansprechpartner zur Verfügung steht. Nachdem man bereits 1985 begonnen hat, in den Räu¬men an der Bismarck¬straße sonntäglich "Kirchenkaffee" nach dem Gottes¬dienst anzu¬bieten, bildet sich 1987 eine neue Initiative, die in wechselnder Gestalt über ein Jahrzehnt lang bis heute eine von außen viel beachtete Seite des Gemeindelebens darstellt: man öffnet die Raeume als soge¬nanntes "Wochencafé" an zwei Vormittagen in der Woche, um Passanten nach dem Einkaufsbummel in der Wilmersdorfer Straße einen "Rastplatz" zu bieten. An¬läßlich des 90-jährigen Jubiläums der Gemein¬de wird im Geleit¬wort der damals erschie¬nen Chronik noch einmal be¬stätigt, woher die Motivation zu solchen Initiativen und Pro¬jekten kommt: "Wir möchten in unserem großen Stadtteil Charlottenburg und in einer sich schnell verän¬dernden Gesellschaft die Gemeindearbeit fortsetzen und unsere missiona¬rischen, diakonischen und seelsorgerlichen Möglich¬keiten ent¬decken und nutzen." Das kommende Jahr 1989 läutet tatsächlich - und besonders in Berlin - groß angelegte gesellschaft¬liche Verän¬derungen und den Beginn einer neuen Ära ein. Mit einem Pau¬kenschlag beginnen am 9. November 1989 ereignisreiche Monate für die Deutschen aus Ost und West: die DDR-Führung, die von Massendemonstrationen und einer Aus¬reisewelle unter Druck gesetzt ist, öffnet ihre Grenze zum Westen. Noch in derselben Nacht nehmen die "Mauerspechte" in Berlin die Arbeit auf und werden zu Symbolen dessen, was in den nächsten Monaten und Jahren in den Köp¬fen der Deutschen ge¬schieht: das Abtragen der Mauer. Täglich kommen nun Tausende zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Auto vom Ost- in den Westteil der Stadt. Auch in der Fußgängerzone in der Wilmersdorfer Straße drängeln sich die Besucher. Die Mitarbeiter des "Wochen¬cafés" nehmen die Gelegenheit wahr und öffnen ihre Türe täglich zwischen 10 und 18 Uhr. Ungefähr 150 Besucher - zumeist DDR-Bürger - nehmen dieses Angebot Tag für Tag in Anspruch. Viele von ihnen sind zum ersten Mal in kirchlichen Räumen. Man kommt über das Tagesgeschehen und den christlichen Glauben ins Gespräch - dies¬seits der Mauer, die nach 28 Jahren, in denen sie das Stadtbild prägte, durchlässig ge¬worden ist. Angeregt durch einen Vorschlag des Diakonischen Werks wird erwogen, eine offizielle Besucher-Empfangs-Stelle einzurichten, für die unter Um¬ständen sogar eine ABM-Stelle ge¬schaffen werden könnte. Auch das Bezirksamt sucht die Hilfe der Kirchenge¬meinden bei der Be¬treuung von Über- und Aussiedlern.

Einheit als Herausforderung 1990 bis 1998

Man sucht die Verbindungen und Begegnungen, die Jahrzehnte nicht möglich waren. 1990 findet ein erstes Treffen der Gemeindeleitung der Gemeinden Berlin-Charlotten¬burg mit dem Pastor und dem Gemeinde¬leiter der ehemaligen Stationsge¬meinde Pots¬dam statt. Gemeinsame Gemeindeleitungssitzungen folgen, um gegenseitig die Ge¬meindearbeit kennenzulernen und zu klären, ob und wie man der ehemaligen "Tochter" in der neuen Situation zur Seite stehen kann. Die veränderte Situation zwischen Ost und West kommt allerdings nicht nur in diesen Kontakten zum Tragen, sondern auch in der weiter¬gehenden Entwicklung eines Arbeits¬zweiges, welcher über die kom¬menden Jahre die Außenwirkung der Gemeinde in der Friedens¬kirche nicht unwesentlich bestimmen soll, und intern immer wieder man¬che Diskus¬sionen auslöst: das Wochencafé, das Besucher aus dem Ostteil der Stadt auf¬nahm, beginnt, ¬immer mehr sozial schwach gestellte und wohnungslose Men¬schen zu beherbergen. Die missionarisch-diakonische Arbeit in dieser Einrichtung der Gemein¬de speziali¬siert sich auf diese Bevöl¬kerungsgruppe. 1991 wird Udo Ferfers als soge¬nannter "missi¬onarischer Mitarbeiter" schwerpunktmäßig für die Arbeit im Wochen¬café ange¬stellt, die ansonsten über die Jahre mit viel Einsatz fast jeden Tag von ehren¬amtlichen Mitar¬beitern geleistet wird und seit 1994 mit Unter¬stützung von Zivil¬dienstleistenden. Über die Förderung dieser diakoni¬schen Arbeit durch den Senat von Berlin ergeben sich gute Kontakte zum Bezirksamt. Die diakonische Arbeit der Gemein¬de weitet sich zusätzlich aus, als sich 1991 zwei weitere Arbeitsgruppen innerhalb der Gemeind¬e bilden, die bis heute noch bestehen. Eine Selbst¬hilfegruppe formiert sich, die sich je¬weils an einem Abend in der Woche trifft, um mitein¬ander über Lebens- und Glaubens¬fragen sucht¬kranker Christen zu reden. Eine Berliner Orts¬gruppe der über¬regionalen Lebensrechts-Initiative "Pro Vita" bildet sich als Gemein¬degruppe, um vor allem mit Beratung und prak¬tischer Hilfe Frauen in Schwan¬gerschaftskonflikten zu unter¬stützen. Neben den neu begonnenen diakonischen Projekten werden aber auch alte Traditionen weitergeführt. Evangelistische Veranstaltungen finden in regelmäßigen Abständen statt, mal mit dem Janz Team aus Lör¬rach oder mit Pastor Karl-Heinz Gromberg, mal kindge¬recht mit dem Puppen¬theater "Regenbogenstraße" oder informativ in Form eines Bibel¬cafés ICHTHYS, in dem Passanten Nachdenkliches zum Jahr der Bibel bei einer Tasse Kaffee angeboten wird. Der Mutter-und-Kind-Kreis hat seit 1993 eine neue Tradition eingeführt: er öffnet zweimal im Jahr die Tore zu den Höfen des Gemeindegrundstücks um dort sogenannte "Baby-Bazare" zu veran¬stalten, wo gut erhaltene Kinderkleidung und Spiel¬sachen an Verkaufs¬ständen angeboten werden und Gemeinde¬gruppen ein Pro¬gramm um den Verkaufs¬rummel veranstalten. Auch im letzten Jahrzehnt der bisherigen Gemeindegeschichte gab es manche per¬sonellen Veränderungen. Im Jahr 1990 gibt Horst Joost sei¬nen Dienstwechsel in die Gemein¬de Bad Oeynhausen bekannt. Sein Nachfolger wird im Mai 1991 Bernhard Schwöll aus der Bethel-Gemeinde in Stuttgart. An seiner Seite nimmt schon bald zu Beginn des Jahres 1992 ein zwei¬ter Pastor, Michael Kißkalt, seinen An¬fangsdienst mit Schwer¬punkt "Junge Gemeinde" auf. Als dieser nach Beendigung des Vikariats mit seiner Frau Margit in die Mis¬sionsarbeit nach Kamerun geht, beginnt Dr. Frank Woggon 1995 seinen Anfangsdienst in der Gemeinde, zu¬nächst an der Seite von Bern¬hard Schwöll. Nach dessen Ver¬abschiedung in den Ruhestand 1996 und Beendigung des Vikariats wird Frank¬ Woggon von der Gemeinde als ihr Pastor bestätigt. Klaus Timm wird 1994 als zwei¬ter Ältester bestätigt. Im Juni 1995 ver¬abschiedete die Gemein¬de eine lang¬jährige Mitar¬beiterin: Schwes¬ter Brigitte Gol¬beck be¬endet nach zwan¬zig Jah¬ren ihren Dienst als Gemein¬deschwester und beginnt ihren Ruhe¬stand. Ihre Nach¬folgerin als Gemein¬dediakonin wird Kirsten Schwöll. Nicht nur Neuerungen und neue Mitarbeiter werden in diesen Jahren eingeführt, son¬dern Altes wird auch aufgegeben. So wird die Arbeit auf der Station in Siemens¬stadt nach einer bewegten Geschichte von mehr als achtzig Jahren im September ¬1996 einge¬stellt. Gab es dreißig Jahre zuvor noch Pläne und Menschen für eine eigen¬ständige Gemeinde dort, so beschränkte sich die Arbeit zum Schluß auf einen treu, aber schwach besuchten Bibelgesprächskreis, der sich in der Schule im Jungfernheide¬weg traf. Loslassen und Neues umarmen - das gehört zu jeder individuellen Geschich¬te und auch zur Geschichte von Gemeinden, wie die voran¬gehenden Seiten zeigen. Äußere Faktoren können das notwendig ma¬chen: zwei Kriege, der Bau der Mauer und ihr Fall haben ihren Einfluß auf die Geschichte der Baptistengemeinde in Berlin-Charlottenburg gehabt und zum Teil Entwicklungen beeinflußt. Unterschiedliche Generationen von Pastoren und engagierten Mitgliedern der Gemeinde haben geprägt und ihrerseits Ent¬wicklungen veranlaßt. Loslassen und Neues umarmen - das ist kein Automatismus oder Selbstzweck, sondern notwendig, um als christliche Gemeinde die Frage nach der eigenen Relevanz - und manch¬mal auch Effektivität - zu beantworten. Unterschiedliche Zeiten haben in der Charlottenburger Baptistengemein¬de unterschiedliche Antworten hervorgebracht. Im letzten Jahr¬zehnt be¬stand eine Antwort auf die Frage nach der Relevanz der Gemein¬dearbeit im verstärkten diakonischen Engagement. Am Ende dieses Jahr¬hunderts - und fast zu Beginn eines neuen Jahr¬tausends - darf die Frage nach dem konkreten Auftrag dieser Gemeinde neu gestellt werden. So ist das 100. Jubiläum der Gründung der Baptisten¬gemeinde in Berlin-Charlottenburg nicht nur Anlaß zu dank¬barer oder auch kritischer Erin¬nerung, sondern gleichzeitig eine gute Gelegen¬heit, auf der Grundlage einer beweg¬ten Geschichte Perspektiven zu ent¬wickeln und neue Wege zu erproben. Manche Aktivitäten der Ge¬meinde im Jubiläumsjahr - wie die Teil¬nahme als Mitver¬anstalter am 1. Berliner Theater¬markt an der Deut¬schen Oper, die Ent¬wicklung eines neuen graphi¬schen Erschei¬nungsbildes, der begon¬nene Prozess einer Beratung bezüglich zukünftiger Ziel der Gemeindearbeit und ein ge¬plantes Forum zu Fra¬gen der politi¬schen Verant¬wortung von Christen in der Haupt¬stadt - wollen damit ernst ma¬chen. Dabei geht es aber nicht einfach um Aktion, sondern um Mission: um die Sen¬dung der Gemeinde Jesu, die immer geschichtlich bedingte For¬men annehmen wird und muß, aber die unab¬hängig von Formen, Aus¬prägungen und historischen Bedin¬gungen ihre grund¬legende Orien¬tierung durch das Evangelium von der Men¬schenfreundlichkeit Got¬tes erhält.

"R A N D N O T I Z E N"

Independentismus "Independentismus, von independent = unabhängig, Bezeichnung für Gemein¬den und Gemeinde¬bünde, die auf der Grundlage der Selbststän¬digkeit (Autonomie) der Einzel¬gemeinde aufgebaut sind und ihre Unab¬hängigkeit von Staat, Bischofsamt und Synoden meist theokratisch mit Hilfe des Bundes¬gedankens (covenant) begründen. Zu den Indepen¬denten rechnet man u.a. die im Zuge des englischen Puritanismus sich bil¬denden Kongregationalisten, Presbyterianer und Baptisten" Erich Geld¬bach, Indepen¬dentismus, in: Evan¬gelisches G¬emeindelexikon, 268)

"Vereine" Die Arbeitszweige der meisten Gemeinden, Vereinigungen und des Bun¬des organi¬sierten sich im Baptismus bis Mitte der 30iger Jahre dieses Jahrhunderts nach dem Vorbild des Vereins¬wesens. Diese "bündi¬sche" Form der Gemein¬dearbeit entsprach offenbar einem Be¬dürfnis nach Gemein¬schaft und freier Organi¬sation

Über das Ältestenamt im Baptismus Geprägt von calvinistischen Idealen, die er in Schottland kennengelernt hatte, führte Johann Gerhard Oncken von den Anfän¬gen des Baptis¬mus an das Ältestenamt als den wesentlichen Teil der Leitungs¬struktur in der Gemeinde ein. Der Älteste oder die Ältes¬ten waren die Autorität in der Gemeinde, die über die Lehre und das Bekenntnis wach¬ten und ehren¬amtlich, zum Teil auf Lebens¬zeit berufen, die Leitung der Gemeinde inne¬hatten. So sollte der Älteste, nach Onc¬kens Ideal, nicht der gewählte, son¬dern der zu einer Autori¬tät herange¬wachsene Führer der Gemeinde sein. Mit der Gründung des baptistischen Predigerseminars 1880, wenige Jahre vor Onckens Tod, gab es einen Einschnitt in der Geschichte der Gemeinden. "Nun lag die Aufgabe der Verkündigung in vielen Gemeinden bald in den Händen ausgebildeter Prediger. Mancherorts lösten sie auch in der Gemeinde¬leitung den 'Ältesten' aus Onckens Zeit ab" (Günter Bal¬ders, Theurer Bruder Oncken, 158).

Sonntagschularbeit Die erste sogenannte "Sonntagschule" entstand Ende des 18. Jahr¬hunderts in Glou¬cester, England, als der Redak¬teur R. Raikes am Sonntag¬morgen verwahrloste Kinder unterrichtete, indem er ihnen an¬hand biblischer Geschich¬ten Lesen und Schreiben beibrachte und ver¬suchte, die Kinder in ihrer Lebens¬haltung vom christ¬lichen Glauben her zu prägen. Johann Gerhard Oncken begann zusam¬men mit Pfarrer Rauten¬berg 1825 eine Sonntag¬schularbeit nach engli¬schem Muster in Hamburgs Vorstadt St. Georg, nachdem ihm die englische Sonntagschul-Union einen namhaften Betrag zur Eröffnung einer solchen Arbeit in Deutsch¬land zur Verfügung gestellt hatte. In den Freikirchen hat sich die Sonntag¬schularbeit als katechetische Form durchgesetzt und bis heute gehal¬ten.

Stationsgemeinden im missionarischen Konzept der Gemeinden "In den letzten Jahren hat sich zunehmend eine Bewegung durchgesetzt, die für die Entwicklung des Baptismus eigentlich untypisch und für seine missionarische Aus¬strahlung eher hinderlich ist. Ich meine den Zug zur Zentralisierung. "Stationen" der Gemeinde, also auswärtige Predigtplätze und Versammlungsorte, wurden häufig aufge¬geben ... . Dabei sind gerade die Stubenver¬sammlungen, Kinderstunden und gottes¬dienstlichen Zusam¬menkünfte in Privathäusern oder Schulräumen die missionarischen Vor¬posten gewesen, die sich zu selbständigen Gemeinden entwickelt haben. Hier konnten Nachbarn und Kollegen aufgrund der Nähe eher zu den Ver¬sammlungen eingeladen und mitgenommen werden. Hier kamen natürlich auch die Predigthelfer zum Einsatz, wenn sie die Gottesdienste und Bibel¬stunden im Wechsel mit dem Gemeinde¬prediger auf den Stationen oder in der Muttergemeinde hielten" (Edwin Brandt, Vom Gemeindeleben der Baptisten, in: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, 233f).

Bund der Baptistengemeinden Auf Initiative von G. W. Lehmann schlossen sich im Revolutionsjahr 1848 zunächst die Gemein¬den in Preußen zu einer "preußischen Vereinigung" der Baptistengemeinden zusammen, durch die man eine engere Ver¬bindung zwischen den einzelnen Gemein¬den suchte, um die äußere und innere Geschlossenheit zu stärken. Ein Jahr später, im Januar 1949, kamen dann Vertreter aller Gemein¬den - außer Stuttgart - zu einer Kon¬ferenz in Hamburg zusammen, um unter der Leitung von Johann Gerhard Oncken die "Bildung einer zwiefachen Vereinigung der Gemeinden" zu be¬schließen, eines "Bundes der vereinigten Gemeinden getaufter Christen in Deutschland und Dänemark" und regionaler "Vereinigungen". Der Zweck dieses Bundes sollte sein: das gemeinsame Bekenntnis der Gemein¬den, die Kräftigung der Gemeinschaft, die Mission und die Er¬hebung von Statistiken. Nach späteren Auseinandersetzungen um die Autonomie der Ortsgemeinde wurde auf der Bundeskonferenz von 1879 aufgrund bitterer Erfahrungen das alte Bundesstatut von 1849 geändert. "Die Bundeskonferenz faßt nur Beschlüsse", heißt es nun, "in ihren Verwaltungs¬angelegenheiten. Alle anderen Besprechungen sollen nur belehrend und ratend für alle Gemein¬den und deren Abgeordnete sein" (vgl. Günter Balders, Kurze Geschichte der deutschen Baptisten, in: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, 25 und 42).

Katholisch-apostolische Gemeinden Die Katholisch-apostolischen Gemeinden entstanden aus einer end¬zeitlich orientierten Er¬weckungsbewegung in England und Schottland im beginnenden 19. Jahrhundert. Innerhalb dieses geist¬lichen Auf¬bruchs spielten enthusiastische Erfahrungen, wie die sogenannte Glossolalie und Heilungserlebnisse, eine wesent¬liche Rolle. Leben¬de "Apostel", die als Zwölfergruppe in den Jahren 1832 bis 1835 benannt wurden, galten als unab¬dingbar notwendig für die richtige Verfas¬sung der Kirche, ihre geist¬liche Kraft, und um die Kirche zur Einheit und zur Vorbereitung auf die Wieder¬kunft Christi zu führen. Nachdem 1901 der letzte "Apostel" starb, wurden - anders als in der neuapo¬stolischen Kirche - keine neuen Apostel be¬nannt. Da es kein geistliches Amt mehr gab, enthielt man sich allen Wir¬kens nach außen, aber er¬hielt sich bis heute die ökume¬nische Gesin¬nung.

Diakonissen 1836 gründete Theodor Fliedner, angeregt durch Vorbilder holländischer Mennoniten und das Beispiel dienender Nächstenliebe einer gewissen Elisabeth Fry, die gefangene Frauen betreute, die Diakonissenanstalt von Kaiserswerth. In der Grundordnung der Kaiserswerther Generalkonferenz heißt es: "Diakonissen sind Dienerinnen des Herrn Jesus Christus und um seinetwillen Dienerinnen an den Hilfsbedürftigen aller Art und Dienerinnen untereinander. ... Diakonissen erkennen ihren Dienst als die von Gott gegebene Lebensaufgabe an." Die Schwesternschaften dieser soge¬nannten Mutterhaus-Diakonie versteht sich als Glaubensgemeinschaft, Dienstgemeinschaft und Lebens¬gemeinschaft (in "genossenschaftlicher" Form unter Ablehnung eines persön¬lichen Lohn- oder Gehaltempfangs). Rasch verbreitete sich die Idee dieser Form einer diako¬nischen Gemein¬schaft, in der auch der Weg zu modernen Frauen¬berufen geöffnet wurde, inner¬halb der evange¬lischen Kirchen und Freikirchen. Durch Eduard Scheve wurde das durch Theodor Fliedner wiederentdeckte urchristliche Amt der Diakonisse auch in Baptistengemeinden heimisch gemacht. 1887 wurde mit einer ehemaligen Kaiserswerther Schwester das erste baptis¬tische Diakonissenhaus "Bethel" in den Räumen der Gemeinde Berlin, Gubener Straße, gegründet. Klassi¬sche Aufga¬ben des Diakonis¬senamtes sind Kinder-, Kranken- und Gemeinde¬pflege in weit gefächerter Weise. (vgl. auch H. Wagner, "Diakonie", in: Die Religion in Ge¬schichte und Gegen¬wart, Bd. 2, 165-166).

Pfingstbewegung Unter dem Begriff "Pfingstbewegung" wird eine Vielfalt christlicher Grup¬pen zusammen¬gefaßt, die seit Anfang dieses Jahrhunderts ein im wei¬testen Sinne "enthusiastisches Christentum" ver¬körpern. Ge¬meinsam ist diesen in der Lehre oft sehr gegensätzlichen Gruppen, die Sicht, daß man die beson¬deren Wir¬kungen des Heiligen Geistes wie in den Tagen der ersten Geistausgießung (Apg. 2) nun "am Ende der Zeiten" erlebt. Das sogenannte "Zungenreden" gilt in den meisten Gruppen als not¬wendiges Zeichen einer besonderen Ausrüstung mit dem Heiligen Geist. Die Pfingst¬bewegung ist weltweit verbreitet und gehört nach dem 2. Welt¬krieg besonders in Latein¬amerika und Afrika zu den am schnellsten wach¬senden protestantischen Denominationen. Be¬sonders von den USA, aber auch von Skandinavien, England und Deutschland aus zogen Mis¬sionare der Pfingstbewegung in alle Teile der Welt und gründeten bereits vor dem 1. Weltkrieg, oft in harter Auseinandersetzung mit anderen Missions¬gesellschaften, Gemeinden. Unter den verschiedenen Gruppierungen der Pfingstbewegung in Deutschland gewann der "Christliche Gemein¬schaftsverband Mühlheim/Ruhr" die größte Bedeutung.

Weltbund der Baptisten Der Weltbund der Baptisten - "Baptist World Alliance" (BWA) genannt - wurde in London am 17. Juli 1905 auf einem Weltkongreß der leitenden Mitarbeiter baptistischer Missions- und Ausbildungs¬werke gegründet. In der Präambel der ersten Verfassung wird als Zweck der inter¬nationalen Vereinigung angegeben, daß "die Einheit der Gemein¬den des bap¬tistischen Glaubens¬bekenntnisses" dargestellt und die Gemein¬schaft, der Dienst und die Zusammenarbeit auf inter¬nationaler Ebene gefördert wer¬den soll, ohne allerdings die Unabhängigkeit jeder einzelner Gemeinde zu beeinträchtigen und in die Verwaltung der bestehenden Organi¬sationen einzugrei¬fen. Die 1980 in Toronto beschlossene Verfassung fügt dem hinzu, daß weitere Ziele der BWA sein sollen, die baptistische Betei¬ligung am ökumenischen Gespräch zu fördern und "als eine Stelle der Versöhnung tätig zu sein, die für alle Menschen Frieden sucht und den Anspruch der funda¬mentalen Menschenrechte einschließlich voller Religions¬freiheit aufrecht erhält". Wenn auch nicht alle baptistischen Bünde weltweit Mitglied im Weltbund sind, so doch etwa 130 nationale Bünde mit insge¬samt ca. 32 Mil¬lionen Mit¬gliedern (vgl. auch Siegfried Kerstan, Der Welt¬baptismus, in: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, 277ff).

Zeltmission Die Zeltmission, die auf dem europäischen Festland von Jacob Vetter 1902 in Gestalt der "Deutschen Zeltmission" gegründet wurde, war eine Antwort auf die Entkirchlichung breiter Schichten der Bevölkerung. Die Verwendung eines Zeltes oder einer Zelthalle als Versammlungsort sollte dazu dienen, entkirchlichten Menschen einen neutralen Ort anzubieten, an dem es auch keiner religiösen oder sonstiger "Aufpolierung" bedurfte, um ihn zu besuchen. Insbesondere in den Jahren nach den Weltkriegen, in denen die politische und wirtschaftliche Situation vielen Menschen die Sinnfrage aufgab, hatten die Zeltmissionen den größten Zulauf mit zum Teil 3000 bis 4000 Besuchern pro Ver¬anstaltung in den Großstädten.

Bund freikirchlicher Christen (BfC?) Der BfC? geht zurück auf Versammlungen, die sich jenseits von Konfes¬sionsgrenzen Anfang des 19. Jahrhunderts in Dublin zusammenfanden und sich um John Nelson Darby organisierten. In Auseinandersetzung mit der anglikanischen Kirche hatte er den Gedanken des "Abfalls der Kir¬che", gleich welcher Benennung, entwickelt und gegen freikirchliche Bestre¬bungen geäußert, daß die "Wiedererrichtung des Verfallenen" nach urchristlichem Vorbild nicht möglich wäre. Dagegen sollte die Einheit der Gemeinde Jesu jenseits aller Kirchen deutlich werden in der Abend¬mahlsgemeinschaft der "wah¬ren Gläubigen", unter Verzicht auf alle hierar¬chischen, institutionellen und liturgischen Elemente. Durch Darbys Reisen und umfangreiche Korrespondenz wurden auch so¬genannte "Brüder¬versammlungen" in Deutschland gegründet. Carl Brockhaus war in der Frühzeit dieser Gemeinden prägend. 1937 schlossen sich die soge¬nannten "offenen Brüdergemeinden", die auch vielfältigen Einfluß zu anderen christlichen Gemeinden hatten, und die "exklusiveren" Ge¬meinden Brockhaus'scher Prägung wegen der Ge¬fahr des Verbots durch die Nationalsozialisten zum "Bund freikirchlicher Christen" zu¬sammen. Bis heute ist für die "Brüdergemeinden" kennzeichnend: die sonntägliche Feier des Abendmahls, die zumeist in einem Gottes¬dienst vor dem Predigt¬gottesdienst stattfindet; die Gestaltung des Gemeindelebens und der Versammlungen, in denen die verantwortliche Gestaltung durch mög¬lichst viele Mitarbeiter das bestimmende Prinzip ist; die weitgehende Ablehnung von ausgebildeten Pastoren als hauptamtliche Leiter der Gemein¬den.

Charismatische Bewegung Die charismatische Bewegung - auch "charismatische Erneuerung" genan¬nt - ist eine weltweite Frömmigkeitsbewegung, die sich insbe¬sondere auf das Wir¬ken des Heiligen Geistes bezieht und den ersten wirklich überkonfessionellen Glaubensaufbruch in der Kirchengeschichte darstellt. Beeinflusst durch die "Jesus-People-Bewegung" hat sie - be¬sonders durch die Vermittlung des lutherischen Pastors Arnold Bittlinger - in den 60iger Jahren dieses Jahrhunderts auch in Deutschland Fuß gefaßt. Charakteristisch für die Bewegung ist die Praktizierung von den im Neuen Testament erwähnten "Geistesgaben" (Charismen), die von Charis¬matikern als Erneuerungsimpulse für Kirchen und Gemeinde ver¬standen werden. Weiterhin ist eine starke Ausrichtung auf gemein¬sames Loben und Anbeten in charismatischen Gemeinden typisch, so daß der Gottes¬dienst und seine musikalische Ausgestaltung einen wich¬tigen Platz ein¬nehmen. Eine eminente Rolle innerhalb der charismatischen Bewe¬gung spielt die Seelsorge in einer typischen Ausprägung, so daß diese Bewe¬gung durch¬aus als Seelsor¬gebewegung bezeichnet werden kann.

Kamerunmission Nachdem zunächst ab 1841 amerikanische Baptisten missionarische Pionierarbeit in Kamerun geleistet haben und die Baseler Mission be¬gann, die Missionsarbeit fortzuführen, als Kamerun 1884 "deutsches Schutz¬gebiet" wurde, haben die deutschen Baptisten seit 1891 Missionare nach Kamerun entsandt. Auf die Initiative von Eduard Scheve ging die Grün¬dung eines "Missionskomitees Kamerun" im Jahr 1890 in der Bethel-Gemeinde in Berlin zurück, welches ein Jahr später das Ehepaar Steffens als erste Missionare nach Kamerun entsandte. Die Arbeit wurde ab 1898 von einer selbständig arbeitenden baptistischen Missionsgesellschaft, die durch den Kaiser eigene Persönlichkeitsrechte erhielt, fortgeführt, so daß die volle Verantwortung für diese Arbeit streng genommen nicht mehr beim ¬Bund der deutschen Baptistengemeinden lag. Heute entsendet die Europäische Baptistische Missionsgesellschaft Missionare nach Kame¬run, die partnerschaftlich Hilfestellung geben in der dorti¬gen Gemein¬dearbeit, Krankenversorgung und Gesundheitsvorsorge sowie tech¬nische Hilfe leisten und in der Ausbildung tätig sind.

LITERATUR UND QUELLEN

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Balders, G., Theurer Bruder Oncken. Das Leben Johann Gerhard On¬ckens in Bildern und Doku¬menten, Wuppertal/Kassel 1978.

Donat, R., Wie das Werk begann. Entstehung der deutschen Baptis¬tengemeinden, Kassel 1958.

Galling, K. u. a. (Hg.), Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwör¬terbuch für Theo¬logie und Religionswissenschaft. 3. Auflage, Tübingen 1957 - 1965.¬

Geldbach, E. u.a. (Hg.), Evangelisches Gemeindelexikon, Wup¬pertal 1978.

Gemeindedienst. Zeitschrift der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden in Berlin, Nr. 21, August 1958.

Jahresberichte der Baptistengemeinde Charlottenburg, 1898 bis 1940, als Manuskripte gedruckt, Berlin 1899-1941.

Luckey, H., Johann Gerhard Oncken und die Anfänge des deutschen Baptismus, Kassel 31958.

Lütz, D. (Hg.), 100 Jahre Deutsche Baptistische Mission in Kame¬run, Bad Homburg 1991.

McBeth?, H. L., The Baptist Heritage: Four centuries of Baptist Witness, Nashville 1987.

Neunzig Jahre Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Berlin-Charlot¬tenburg, eine Jubilä¬umsschrift als Manuskript gedruckt, Berlin 1988.

Reimer, H.-D., Wenn der Geist in der Kirche wirken will. Ein Vierteljahr¬hundert charismatische Bewegung, Stuttgart 1987.

Schütte, K., Geschichte der Baptistengemeinde Charlottenburg 1898 - 1948, als Manu¬skript gedruckt, Berlin 1948.

Simoleit, F. W. (Hg.), Offizieller Bericht über den 1. Kongreß der euro¬päischen Bap¬tisten gehalten zu Berlin vom 29. August bis 3. September 1908, Kassel o.J.

Strübind, A., Die unfreie Freikirche. Der Bund der Baptistengemeinden im "Dritten Reich", Wup¬pertal/Kassel/Zürich 21995.

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Friedenskirche
EFG Berlin-Charlottenburg
(Baptisten)
Bismarckstraße 40
10627 Berlin

phone +49 (30) 36 40 73 47
fax +49 (30) 36 40 73 49
info@die-friedenskirche.de

Gemeindekasse
Kto.-Nr. 99503
BLZ 500 921 00
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Die Baptisten in Berlin „Friedenskirche Charlottenburg“



 
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