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Chronik Kapitel


Expansionspläne im Mauer-Berlin 1960 bis 1972

Die Unzufriedenheit im Ostteil der Stadt ist in den letzten Jahren immer mehr gewachsen. Nachdem der Aufstand vom 17. Juni 1953 von Verbänden der Roten Armee brutal niedergeschlagen wurde, entschieden sich immer mehr Menschen zur Flucht aus der DDR, oft über die "offene Grenze" nach West-Berlin. Allein im Jahre 1953 waren es fast 300.000. Im Verlaufe der Jahre von der Gründung der DDR im Jahre 1949 bis 1961, schätzt man, haben ungefähr 3, 6 Millionen Menschen ihrer Heimat im Osten Deutschlands den Rücken gekehrt. In diesen Jahren nimmt auch die Gemeinde in der Friedenskapelle neue Mitglieder auf, die aus Ostbezirken der Stadt und der DDR nach West-Berlin kom¬men. Die völlige Abriegelung der DDR und Ost-Berlins vom Westen soll die immense Fluchtbewegung stoppen. Am 13. August 1961 wird diese Maßnahme grausame Wirklichkeit, zunächst in Form von Stacheldrahtsperren und Tage später durch die nahezu unüberwindliche Mauer. Einige wenige Mitglieder, die in Ost-Berlin wohnen, werden dadurch von der Gemeinde getrennt. Jeglicher persönlicher Kontakt zwischen den Bewohnern der Osthälfte und der Westhälfte der Stadt ist bis zur Jahreswende 1963/64 unmöglich. Bereits 1960 kann man aber über die deutsch-deutsche Grenze hinweg den ersten Rundfunkgottesdienst aus der Friedenskirche hören. Die diakonische Fürsorge innerhalb der Gemeinde wird in diesen Jahren eine immer größere Auf¬gabe, so daß man beschließt, eine zweite Gemeindeschwester zu berufen. 1961 beginnt Schwester Lydia Stelle ihre Arbeit neben Schwester Elsbeth Kritzsch, die allerdings schon ein Jahr später nach 10-jährigem Dienstjubiläum ausscheidet. Ihre Nachfolgerin wird 1961 Schwester Inge Pewe. Ihr zur Seite steht von 1967 bis 1969 Schwester Elly Petereit. Als Schwester Inge 1971 in die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Berlin-Wedding wechselt, wird Schwester Christa Hummel als Gemeindeschwester berufen.

Auch was die Pastoren angeht, so gibt es in dieser Phase der Gemeindegeschichte Veränderungen, die nicht unwesentlich mit einem Projekt zusammenhängen, das die Gemeinde über Jahre hinweg zunehmend beschäftigt, wenn nicht gar beherrscht: dem sogenannten "Bauvorhaben Charlottenburg Nord". Bereits 1961 beginnen Überlegungen, das Grundstück in der Kirschenallee zu verkaufen, um mit Hilfe des Erlöses ein Grundstück in Siemensstadt kaufen zu können, wo die Stationsarbeit mit viel Engagement, aber unter Raumnot getan wird. Im Jahr 1962 werden konkrete Verkaufsverhandlungen geführt, die Ende des Jahres auch zu einem positiven Abschluß kommen. Das Grundstück, auf welchem dem Erblasser zufolge ein "Missionszentrum" errichtet werden sollte, wird für 32.500,- Mark verkauft. Der Verkaufserlös soll für den Erwerb eines neuen Grundstücks in besser geeigneterer Lage verwendet werden, um dort eine Stations¬gemeinde zu gründen. Im selben Jahr wird neben Ernst Krischik ein zweiter Prediger mit einer halben Stelle angestellt: Harold Eisenblätter soll schwerpunktmäßig in Siemensstadt tätig werden, neben seiner Aufgabe als Jugendpastor der Vereinigung der West-Berliner Gemeinden. Man möchte als Gemeinde in einem neu entstehenden Stadtteil östlich des Kurt-Schumacher-Damms, zwischen Goerdelerdamm und Heckerdamm Fuß fassen und bewirbt sich 1963 beim Stadtplanungsamt Charlottenburg um Berücksichtigung für ein Grundstück, welches dann - 3000 m2 groß und nördlich des Heckerdamms gelegen - im Frühjahr 1965 erworben wird.

Ernst Krischik, der das "Bauvorhaben Charlottenburg Nord" mit viel Einsatz voranzubringen versucht, schreibt im "Gemeindebrief" vom Juni 1966 unter der Überschrift "Charlottenburg Nord! - Ein Wegweiser Gottes?":

"Auf dem Grundstück soll ein Jugend- und Gemeindeheim und ein Wohn¬haus mit 16 Wohnungen errichtet werden. Das Wohnhaus wird mit sozialen Wohnungsbaumitteln erstellt. Das Jugend- und Gemeindehaus haben wir selbst zu finanzieren. Dieses Bauvorhaben ist nur durchführbar, wenn wir durch besondere Bauopfer im Laufe der nächsten drei Jahre einen Baufonds anlegen. Wir glauben, daß sich uns für unseren Missionsauftrag eine Tür öffnet, während sich bisher in Siemensstadt die Türen geschlossen haben. Alle unsere Bemühungen um die Station Siemensstadt sind dadurch sehr behindert, daß wir dort keine Raeume haben. ... Da das neu erworbene Grundstück nur etwa 30 Minuten Fußweg von dem bisherigen Schulraum entfernt liegt, dürfen wir diese Missionsmöglichkeit nicht nur als eine offene Tür für Charlottenburg-Nord selbst, sondern auch für unsere Geschwister in Siemensstadt ansehen. Die Arbeit in Siemensstadt krankt seit den 30er Jahren an diesen Raumproblemen. Wenn sich uns nun eine Lösung anbietet, sollten wir sie dann nicht an¬nehmen? Fürsorgliche Eltern helfen ihren Kin¬dern zu einem guten Existenzstart in das Leben."

Das Thema beschäftigt Gemeinde und Gemeindeleitung über Jahre. Manche Probleme juristischer und behördlicher Art, sowie wechselnde Konzeptionen für das Bauvorhaben erschweren die konkrete Umsetzung des Projektes, sind aber offensichtlich nicht unüberwindlich. Auch die finanziellen Herausforderungen kann man scheinbar meistern. Nachdem Harold Eisenblätter von der Gemein¬de 1966 verabschiedet wird, beruft man 1969 als zweiten Prediger Heinz-Rainer Schr¬oer, der - neben der Verantwortung für die Jugendarbeit der Gemeinde - schwerpunktmäßig in "Charlottenburg-Nord" arbeiten soll. Eine Umfrage, die er durchführt, ergibt, daß es innerhalb der Gemeinde durchaus unterschiedliche und gegensätzliche Vorstellungen gibt, was die Ziel¬setzung für das Bauvorhaben betrifft. Die Mehrheit der Gemeinde identifiziert sich nicht mit dem Projekt. Daher werden die Bauabsichten und Planungen nach fast einem Jahrzehnt immer fraglicher. Zu diesem Zeitpunkt teilt Ernst Krischik der Gemeinde mit, daß er seinen Dienst in Charlottenburg für beendet ansieht, und wird im März 1972 verabschiedet. Auch Heinz-Rainer Schroer verläßt die Gemeinde im selben Jahr und wechselt in die Gemeinde Nürnberg-Vestnertorgraben, da er mangels einer klaren Konzeption für "Charlottenburg-Nord" seine ursprüngliche Aufgabenstellung nicht mehr als gegeben ansieht. Auf Empfehlung der Gemeindeleitung beschließt die Gemeinde am 9. Juli 1972, von dem Bauvorhaben in Charlottenburg-Nord Abstand zu nehmen. Wenn das Projekt auch über fast ein Jahrzehnt beherrschendes Thema war, so war es aber doch nicht alles beherrschend. Neben den großen Visionen hat die Routine des Gemeindelebens ihre eigenen Themen: 1960 werden die Kneipenräume im Vorderhaus frei, so daß sie nach Renovierung für die Jugendarbeit genutzt werden können. Zeltmissionswochen werden fast jedes Jahr durchgeführt. Rudi Sprenger wird 1963 als Gemeindeleiter gewählt. Im selben Jahr entsteht eine neue Gemeindegruppe für junge Ehepaare. Zusammen mit anderen Berliner Gemeinden arbeitet man 1966 bei einer Großevangelisation mit Billy Graham mit.

Trotz aller missionarischen Bemühungen, stellt man aber fest, daß der Gemeindeaufbau stagniert. Die sogenannte "moderne Theologie" beunruhigt die Gemüter und die Gemeinden und wird für manche negativen Entwicklungen verantwortlich gemacht. Im Jahre 1967 werden der Gemeinde die Rechte einer "Körperschaft des öffentlichen Rechts" verliehen.

Im selben Jahr, in dem der Rechtsstatus der Gemeinde geklärt wird, ereignet sich aber nicht weit entfernt von der Friedenskapelle etwas, das vielen jungen Menschen Fragen über Recht und Gerechtigkeit aufgibt und einen schwelenden Generationenkonflikt zum Ausbruch bringt. Der Student Benno Ohnesorg wird im Hof des Hauses Krumme Straße 66 während einer Demonstration gegen den Schah von Persien von einem Polizisten erschossen. Sein Tod wird zu einem Signal für die sich bildende außerparlamentarische Bewegung.

In den Tagen und Wochen nach diesem Vorfall ziehen Studenten protestierend mit ihren Bannern durch die Straßen, darunter auch Studenten aus der Gemeinde Charlottenburg. Der Studentenkreis der West-Berliner Vereinigung verfaßt in Reaktion auf den Tod Benno Ohnesorg ein Schreiben, damit Kenntnis von dem Vorfall genommen und das Geschehen aus der Sicht christlichen Studenten beleuchtet wird. Als man dieses Schreiben in der Friedenskapelle verteilen will, wird dies den Studenten von Ernst Krischik untersagt.

Die Symptome des Konflikts zwischen den Generationen sind - wenn auch längst nicht so drastisch wie an anderen Orten in der Gesellschaft - auch in der Gemeinde Berlin-Charlottenburg vorhanden. Das wird nicht nur an diesem Zwischenfall deutlich, bei dem das Material dann schließlich auf der Straße an die Mitglieder der Gemeinde verteilt wird und auch dieses Verhalten noch Unwillen hervorruft. Kritik an der Jugend und ihren Methoden wird in den Protokollen der Gemeinde zwischen 1964 und 1966 des öfteren geäußert. Mal ist es die Leitung der Gemeindejugend, mal eine Jugendveranstaltung während der Vereinigungskonferenz, welche die Kritik auf sich ziehen. Eine neu entstandene "Teen Group" löst 1965 nicht zuletzt aufgrund von moderner musikalischer Gestaltung bei der Gemeindeleitung große Bedenken aus. Dies führt zu dem Beschluß, die Arbeit sofort einzustellen. Ein Generationswechsel in der Gemeinde ist aber unaufhaltsam und wird sich in wenigen Jahren auch in der Leitung der Gemeinde durchsetzen.
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