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Chronik Kapitel


Innere und äußere Stürme 1930 bis 1945

Im Jahre 1930, als die NSDAP bei der fünften Reichstagswahl große Gewinne erzielte, heißt es im Jahresbericht der Gemeinde:

"'Krisis des Christentums' ist das Stichwort unserer aufgewühlten Zeit. Das letzte Buch der Bibel redet von einer 'Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, zu versuchen alle, die auf Erden wohnen.' (Offb. 3, 10). Die Welt steht im Banne des Kommenden. Der Schatten ist schon da."

Fast prophetisch muten diese Worte im Blick auf die kommende Hitlerzeit an, die bereits anfängt ihre Schatten auf das Gemeindeleben zu werfen. Immer deutlicher wird die apokalyptische Sprache, die Samuel Link gegenüber der Gemeinde gebraucht, um die Zeit zu deuten: der "große Abfall" ist in vollem Gange, die "Zeichen der Zeit" weisen auf Christi Wiederkunft hin, die Gemeinde soll "als reine Jungfrau" Christus zugeführt werden. Abgesehen von solch vereinzelten apokalyptischen Deutungen finden sich in den Quellen aber keine Hinweise, daß innerhalb der Gemeinde eine intensive Auseinandersetzung mit den politischen Entwicklungen stattgefunden hat. In baptistischen Veröffentlichungen wird das Dritte Reich mit "lauter Hoffnung und leiser Skepsis" (Balders) begrüßt. Der bereits erwähnte Paul Schmidt schreibt in der Weihnachtsausgabe der baptistischen Zeitschrift "Der Wahrheitszeuge":

"Das Dritte Reich denkt nicht daran, uns irgendwie unseren Lebensraum zu verengen. Alle aufgetauchten Besorgnisse erwiesen sich als völlig unbegründet. Es ist für uns durch und durch unpolitische Gemeinden selbstverständlich, daß sie dem Staat geben, was des Staates ist, der Obrigkeit untertan sind, für sie beten und um so freudiger mitarbeiten, wenn ihre Glieder aufgerufen werden, wenn das positive Christentum mit seinen Kräften nicht nur geduldet, sondern gepflegt wird. Darum ist es auch völlig ausgeschlossen, daß die Gemeinde irgendwie eine Heimat für politische Reaktionen irgendeiner Art sein könne noch sein werde."

Im Jahre 1932, als die NSDAP stärkste Fraktion im Reichstag wird, muß in Gemeindeversammlungen in Charlottenburg allerdings des öfteren darauf hingewiesen werden, politische Diskussionen und das Tragen von Parteiabzeichen "auf dem Kapellengrundstück und in der Gemeinde zu unterlassen." Auch verlassen 1933 eine Reihe von Mitgliedern die Gemeinde aus sogenannten "weltanschaulichen Gründen". Es ist zu fragen, ob sich hinter dieser Formulierung ein Hinweis auf Auseinandersetzungen über nationalsozialistische Ideologie verbirgt. Allgemein gilt allerdings, daß nicht der aufkommende Nationalsozialismus sondern die kommunistische Gewaltherrschaft mit ihrem "expansionistischen Programm" den Baptistengemeinden in Deutschland als die eigentliche Bedrohung der christlichen Gemeinde erschien.

"Eine der Hauptsorgen war," schreibt Günter Balders, "daß der antichristliche Bolschewismus in Deutschland Fuß fassen könnte, als dessen Vorreiter die fast eine Million Mitglieder starke 'Gottlosenbewegung' der Freidenker und die sich weiterhin betont antireligiös artikulierenden Sozialdemokraten der Zeit angesehen wurden" (Kurze Geschichte der deutschen Baptisten, 86).

Durch die enge Verbindung der deutschen Baptisten zu den russischen Baptistengemeinden wird die Angst vor dem Kommunismus noch mehr geschürt, bekommt man doch dadurch eine detaillierte Kenntnis der schwierigen Situation der christlichen Kirchen in der Sowjetunion (vgl. auch Strübind, Die unfreie Freikirche, 59-60). In Charlottenburg ist diese Verbindung in besonderer Weise gegeben, da ein Kreis ehemaliger russischer "Evangeliums-Christen" Gastrecht in den Gemeinderäumen hat und 1941 - unter ihrem Prediger Rudolf Vogel - um Aufnahme in die Gemeinde bittet. Während der ersten drei Jahre des neuen Jahrzehnts erfolgen allerdings nicht nur außerhalb der Gemeinde in politischer Beziehung unheilvolle Umwälzungen, sondern auch innerhalb der Gemeinde steht man vor außerordentlichen Schwierigkeiten.

Während in den ersten beiden Jahren des Dienstes von Samuel Link "eine ruhige, stete Entwicklung" stattfindet, bringt das Jahr 1933 eine Krise, welche der Gemeinde empfindliche Verluste aufzwingt. Im Hintergrund dieser Krise stehen die Nachwirkungen der sogenannten "Berliner Erklärung" von 1909, in der durch die Evangelische Allianz die Pfingstbewegung als "widergöttlich" verurteilt und der Irrlehre bezichtigt wurde. Ein gewisser Willi Weiß, der aus den Vereinigten Staaten eingereist ist und dort Mitglied einer Pfingstgemeinde - dem "Bethel Gospel Tabernacle" - in Rochester, New York, war, wird in die Gemeinde aufgenommen. Anscheinend stand hinter der Bitte um Aufnahme nicht zuletzt die Absicht, innerhalb der Gemeinde "missionarisch" tätig zu werden, im Sinne der Lehranschauungen der Pfingstbewegung. Da man überzeugt ist, daß Willi Weiß aus einer amerikanischen Baptistengemeinde kommt, gibt man dem engagierten jungen Mann zunächst gerne Gelegenheit zur Mitarbeit, besonders in der Station Siemensstadt, die seit 1912 in den Protokollen der Gemeinde erwähnt wird. Als sehr schnell deutlich wird, daß Willi Weiß durchaus nicht in der baptistischen Tradition steht und damals umstrittene Lehrmeinungen "pfingstlerischer Provenienz" verbreitet, wird ihm durch den Vorstand jegliche seelsorgerliche Tätigkeit und Verkündigung untersagt. Jedoch geht bereits ein Riß durch die Gemeinde, der schließlich auch den Hirten von der Herde trennen soll.

In die Auseinandersetzungen hineingezogen, erklärt Samuel Link, daß er "nicht in der Geistesrichtung der Baptisten steht" und quittiert mit sofortiger Wirkung seinen Dienst. Seine Äußerungen bezüglich sogenannter "Endzeit-Themen" hätten von Anfang an vermuten lassen können, daß er den Lehrüberzeugungen der Pfingstbewegung gegenüber durchaus aufgeschlossen ist. Er gründet eine eigene Gemeinde, die zum Teil aus Mitgliedern seiner ehemaligen Gemeinde besteht und zunächst unabhängig operiert. Nachdem klärende Gespräche zwischen Prediger Link und seiner ehemaligen Gemeinde stattgefunden haben wird, wird die "Gruppe Link" auf eigenen Antrag hin bei der Vereinigungskonferenz der Berliner Baptistengemeinden 1934 als Gemeinde in die Vereinigung aufgenommen. So bestehen eine Zeit lang zwei Baptistengemeinden in Charlottenburg. Insgesamt verliert die Gemeinde in der Bismarckstraße im Zuge dieser Auseinandersetzung 120 Mitglieder, welche die Gemeinde in zwei Gruppen verlassen. So verringert sich die Mitgliederzahl im Jahre 1933 von 670 auf 560.

Während sich diese Entwicklungen im Gemeindeleben vollziehen, ist August Reck, der bewährte Älteste der Gemeinde, über Monate hinweg krank und nur bedingt fähig, sein Amt auszuüben. Auch diese Schwäche in der Leitung der Gemeinde hat sicherlich zur Eskalation der Krise beigetragen. Für eine Übergangszeit kann der ehemalige Prediger der Gemeinde, Johannes Rehr, gewonnen werden, bis im August 1933 Franz Kuhl aus Breslau seinen Dienst als Nachfolger von Samuel Link antritt. Auch Schwester Ulrike beendet nach sechs Jahren ihren Dienst als Gemeindeschwester. Zu ihrer Nachfolgerin wird Schwester Margarethe Piepereit, ebenfalls eine "Bethel"-Diakonisse, berufen. Das folgende Jahr 1934 steht für die Berliner Baptistengemeinden unter dem Zeichen eines großen Jubiläums und internationaler Begegnungen. Der deutsche Baptismus feiert sein 100-jähriges Jubiläum! Zum einen bringt die aus diesem Anlaß betriebene Beschäftigung mit der eigenen Geschichte eine Festigung der konfessionellen Identität. Zum anderen erfahren die bis dahin unter Diskriminierung leidenden Gemeinden für sie überraschend die öffentliche Anerkennung durch Staat und Presse. Mit Genugtuung stellt man fest:

"Baptistengemeinden sind im neuen Deutschland keine Fremdkörper, sondern Zellen Gottes, durch die Heil und Segen und neues Leben in unseren Volkskörper strömt" (Paul Schmidt, zit. nach Strübind, Die unfreie Freikirche, 143).

Das öffentliche Interesse und die Anerkennung kommen auch anläßlich des 5. Kongresses des Weltbundes der Baptisten, der im August 1934 in Berlin stattfindet, zum Ausdruck. Interessanterweise findet dieser Kongreß fast gegen die Zustimmung der deutschen Baptisten statt. Denn bewogen durch den Protest gegen den Antisemitismus des neuen deutschen Regimes und durch die Kritik am NS-Staat, die innerhalb des Weltbundes der Baptisten - vor allem in den englischen und nordamerikanischen Bünden - geäußert wurden, gibt es im deutschen Baptismus zunächst einen Konsens gegen die Abhaltung der Tagung in Berlin. In der noch ungeklärten Situation unter der neuen Regierung fürchtet man den Vorwurf des "staatsfeindlichen Internationalismus".

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Zustande kommt der Kongreß in Berlin schließlich doch durch das deutlich gegenteilige Interesse der deutschen Behörden, denen an der publizistischen Wirkung einer internationalen Konferenz in der deutschen Hauptstadt gelegen ist und die durch das Kirchliche Außenamt und das Auswärtige Amt aktiv auf die Durchführung des Kongresses hinwirken. Auch in der Friedenskapelle in Charlottenburg findet am 7. August eine internationale Tagungsveranstaltung statt: die skandinavisch-baltische Jugend trifft sich hier.

Im Jahresbericht der Gemeinde von 1934 heißt es im Rückblick auf den Kongreß: "er wird uns unvergeßlich bleiben mit seinen gewaltigen Eindrücken." Im selben Bericht wird in einem Nebensatz deutlich, wie subtil sich der Einfluß nationalsozialistischer Strukturen und Ideologie im Gemeindeleben bis in die Sprache hinein auswirkten: im Zusammenhang mit ihrem 25-jährigen Jubiläums wird die sogenannte "Schriftenmission" als die "Sturmtruppe" der Gemeinde herausgestellt. Wenig subtil dagegen ist der Eingriff des NS-Regimes in die Belange des baptistischen Gemeindebundes im Februar 1934. Diesmal ist ein Herzstück baptistischer Arbeit betroffen, nämlich die Verbandsjugendarbeit, die aufgrund ihrer assoziierten Stellung zum Evangelischen Jugendwerk und im Zuge der Gleichschaltung in die Hitlerjugend eingegliedert werden soll. Um einer direkten Überführung in die Hitlerjugend zuvorzukommen, beschließen die freikirchlichen Jugendvertreter am 8. Februar die Selbstauflösung ihrer Verbände. Damit kann die baptistische Jugendarbeit nicht mehr in den Verbänden und sogenannten "Vereinen" stattfinden, sondern kann nur noch gemeindebezogen erfolgen und muß neue Formen entwickeln. Neben allen Umbrüchen gibt es immer wieder auch Zeichen der Kontinuität. Im Jahre 1935 feiert August Reck sein 25-jähriges Jubiläum als Ältester der Gemeinde. Die Festpredigt hält Friedrich Wilhelm Simoleit, der "Bundesälteste" der deutschen Baptisten. Alle Ältesten der Berliner Gemeinden erscheinen vollzählig. Es wird deutlich, wie sehr der Jubilar geschätzt wird und er auch über Berlin hinaus bekannt geworden ist. Weniger als zwei Jahre später stirbt August Reck nach langer Krankheit und hinterläßt eine Lücke in der Gemeinde, die nicht leicht gefüllt werden kann, zumal kurz zuvor Franz Kuhl nach nur zwei Jahren Predigerdienst in Charlottenburg nach Hindenburg gewechselt ist. Er war in Auseinandersetzungen hineingezogen worden, die das Wirken Samuel Links in der Gemeinde verursacht hatte und die immer noch anhielten. Die Differenzen, die sich dadurch zwischen Prediger und Gemeinde entwickelten, machten die Auflösung des Dienstverhältnisses nötig. So haben in nur zehn Jahren in der Charlottenburger Friedenskapelle drei Pastoren gewirkt, von denen zwei unter heftigen Auseinandersetzungen gingen. Nicht zuletzt weil die Wogen der Auseinandersetzung über lange Zeit nachwirkten, ist verständlich, daß dies für die Entwicklung der Gemeinde nicht förderlich war.

Am 1. April 1937 tritt Karl Schütte als siebter Prediger der Gemeinde seinen Dienst an. Im selben Jahr übernimmt Felix Kaiser das Amt des Ältesten - zunächst nur kommissarisch und ab 1943 offiziell. Unter neuer Leitung werden auch neue Aufgaben wahrgenommen. So werden nach fast vierzig Jahren wieder engere Kontakte zur Gemeinde "Bethania", mit der man den Weg der Selbständigkeit unter einem gemeinsamen Prediger begonnen hatte, geknüpft. Mittlerweile hat die "Bethania-Gemeinde ihren Standort in der Emdener Straße in Berlin-Moabit. Zusammen wird an der Charlottenburger Röntgenbrücke eine Zeltmissionswoche veranstaltet. Dies wird nur eine unter vielen Zeltmissionsveranstaltungen bleiben, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten in Charlottenburg stattfinden werden. Gerade diese Form des missionarischen Gemeindeaufbaus war insbesondere in den Nachkriegsjahren effektiv und beliebt. Neben der Freiheit in der Gemeindearbeit, die man genießt und die in missionarischen Möglichkeiten wie der Zeltmission zum Ausdruck kommt, wird aber auch deutlich, wie an anderen Stellen die Regierung die Entfaltung der Kirchen zu verhindern sucht. So wird der von der Station Siemensstadt für ihre Veranstaltungen bisher genutzte Schulraum ohne Angabe von Gründen gekündigt, was verstanden wird als "eine jener Maßnahmen, die das religiöse Leben einschnüren sollten." Die Stationsarbeit wird aber weitergeführt in einer Gartenlaube, welche die Gemeinde erwirbt und im folgenden Jahr schon wieder aufgeben muß, weil das gesamte Gartengelände in der Gegend dem "Wohnungsbau-Programm Charlottenburg-Nord" weichen muß. Die Versammlungen finden nun als sogenannte "Stubenversammlungen" in Wohnungen der Gemeindemitglieder statt.

Im Jubiläumsjahr 1938 muß allerdings mehr als nur eine Gartenlaube aufgegeben werden. Auch von manchen treuen Mitarbeitern - wie dem langjährigen Vorstandsmitglied Adolf Kassel und dem Hauptkassierer und Schriftführer Heinrich Müller -, die entweder verstarben oder aus beruflichen Gründen fortziehen, muß man Abschied nehmen. Und verabschieden muß man sich nach dem 9. November auch von letzten Illusionen über die Absichten des NS-Regimes dem jüdischen Volk gegenüber. Bei den organisierten Gewaltaktionen gegen Juden und jüdische Einrichtungen in der sogenannten "Reichskristallnacht" wird in nächster Nähe der Friedenskapelle die liberale Synagoge von 1890 in der damaligen Schulstr. 7 - heute Behaimstraße 11 - geplündert und angezündet. In den Rückblicken und dem Jahresbericht der Gemeinde wird allerdings mit keinem Wort auf dieses Ereignis hingewiesen oder angedeutet, wie diese Gewaltaktion erlebt und beurteilt wurde. So muß es ungeklärt bleiben, ob in den Worten, die man vermißt, Gleichgültigkeit oder betroffenes Schweigen zum Ausdruck kommt.

In einem scharfen Kontrast zu dem zerstörerischen Geschehen im November des Jahres steht der Hinweis im Jahresbericht auf das 40-jährige Jubiläum der Gemeinde, "das am 16. Oktober mit viel frohem Dank für den Frieden und den ruhigen Aufbau der Gemeinde begangen werden kann." Das Jubiläum bringt ein Wiedersehen mit zwei ehemaligen Predigern, Otto Muske und Dr. Hans Luckey, welche als Festredner anwesend sind. Lag schon auf den vorhergehenden Jahren der lähmende Druck des drohenden Krieges, so kommen die Mitglieder der Gemeinde zu ihrer Jahresabschlußfeier 1938 in der Silvesternacht zusammen, um sich gegenseitig im Blick auf das kommende Jahr durch eine Auslegung von Psalm 62,2 Mut zuzusprechen: "Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft." In der "Geschichte der Baptistengemeinde Charlottenburg" von 1948 heißt es dann im Rückblick auf die Ereignisse des Jahres 1939:

"Im Jahre 1939 begann der Weltenbrand, von frevelhaft gottlosem Machtwahn angezettelt, der soviel Blut gekostet hat, unendliches Herzweh über die Menschheit brachte und die Welt in einen Kampf stürzte, in dem sie sich heute noch zerfleischt. Das Geschehen auf der Erde nimmt apokalyptische Züge an, Mächte und Männer enthüllen sich als Vorbilder des letzten gewaltigen Weltherrschers, des Antichristen, den erst Christus mit seiner Erscheinung besiegen wird, um dann endlich das Reich des Friedens, der Wahrheit und der Gerechtigkeit auf Erden aufzurichten. Am 31. August flehte die Christenheit Gott noch um Erhaltung des Friedens an, den zu brechen Gewissenlosigkeit schon längst entschlossen war. Am 3. September verabschiedete sich die Gemeinde in einer erschütternd ernsten Abendmahlsfeier von den Brüdern, die sofort zum Kriegsdienst einberufen wurden und denen in folgenden Jahren die Blüte unserer jungen Mannschaft bis hin zu den noch schulpflichtigen Knaben und die ergrauten Männer folgte."

Wie schon in der Vergangenheit werden Krisenjahre wieder in apokalyptischen Zügen gedeutet, was zum einen Hoffnung vermitteln soll und zum anderen suggeriert, daß das gegenwärtige Geschehen unausweichlich sei und man sich darein fügen muß. Das Gemeindeleben geht trotz aller kriegsbedingten Beschränkung weiter, auch wenn männliche Mitarbeiter rar sind. Alleine im ersten Jahr des Krieges werden 31 Mitglieder und Freunde der Gemeinde, die zu der Zeit 571 Mitglieder zählt, zum Heeresdienst eingezogen. Im selben Jahr wird erwogen, einen zweiten Prediger anzustellen, um Karl Schütte zu entlasten. 1940 beginnt Ernst Wank seinen Dienst an der Seite von Karl Schütte, mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit und Arbeit auf den Stationen der Gemeinde. Bereits wenige Monate später wird er jedoch schon zum Militärdienst eingezogen. Auch Schwester Margarete verläßt die Gemeinde nach fast acht Jahren. Als ihre Nachfolgerin im Amt der Gemeindeschwester wird Schwester Friederike Schmitt berufen.

Das Jahr 1941 bringt eine Veränderung, die nicht nur rein äußerer Natur ist, wohl aber in gewissem Sinne kriegsbedingt - und bis heute wirksam. Der Bund der Baptistengemeinden in Deutschland erhält einen neuen Namen: "Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden". Damit wird aus der Baptistengemeinde Charlottenburg offiziell die "Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Berlin-Charlottenburg". Zustande kommt diese neue Namensgebung durch den Zusammenschluß der Baptistengemeinden mit dem sogenannten "Bund freikirchlicher Christen" (BfC). Bereits im Jahre 1937 hatten Verhandlungen zwischen Baptisten, BfC und den Freien evangelischen Gemeinden begonnen, in denen man über eine Einigung der täuferischen Kirchen nachdachte. Nachdem sich die Freien evangelischen Gemeinden immer mehr distanzierten, wurde ein Zusammenschluß von Seiten der BfC-Gemeinden gesucht, weil 1940 die Versammlungen der Gemeinden dieser Benennung in Polen aufgrund der deutschen Invasion unter ein staatliches Verbot zu geraten drohten und sich dem BfC nicht anschließen konnten, da der auf das "Altreichsgebiet" beschränkt war. Auch fürchtete man eine Zwangsvereinigung mit anderen Freikirchen. Um dem zuvorzukommen und in der Situation in Polen Abhilfe zu schaffen, suchte man einen Zusammenschluß mit den Baptisten, der existenzsichernde Vorteile bot. So wurden aufgrund äußeren Drucks schon begonnene zwischenkirchliche Gespräche beschleunigt, und im Februar 1941 fand die Gründungsversammlung des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland statt, in dem seither zwei Freikirchen innerhalb gemeinsamer Strukturen und unter Bewahrung ihrer jeweiligen Identität miteinander existieren.

Das Eingreifen der Behörden in die Angelegenheiten der Kirchen wird immer direkter. Manchmal betrifft es "lediglich" Äußerlichkeiten, die allerdings nicht geringen finanziellen Aufwand bedeuten. So muß 1942 die gesamte Fassade des Wohnhauses aufgrund der Vorschriften für die Gestaltung der sogenannten "Ost-West-Achse", zu der auch die Bismarckstraße gehört, mit einem Aufwand von 21.000,- Mark neu gestaltet werden. Zu anderen Gelegenheiten ist aber nicht nur die Fassade, sondern das "Innenleben" betroffen: die Stationsgemeinde Wilmersdorf muß ein Jahr nach ihrem 40-jährigen Jubiläum aufgelöst werden, weil die Behörden die Hergabe der benutzten Raeume als Wohnungen verlangen und sich keine neuen Räumlichkeiten finden lassen. Gegen den Wunsch der Leitung des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, die rät, daß sich die Mitglieder der nahegelegenen BfC-Gemeinde in der Düsseldorferstraße anschließen sollen, schließt sich die Station der Muttergemeinde an.

Die Kriegsereignisse bedrücken immer stärker das Leben. Die Bombenangriffe stellen die seelische Widerstandskraft auf härteste Proben. Bereits 1941 mußte aufgrund einer behördlichen Anordnung unter dem Gemeindesaal ein öffentlicher Luftschutzraum eingerichtet werden. Eine große Anzahl von Familien der Gemeinde, zuletzt sind es über 100, verlieren ihre Wohnung und zum größten Teil ihren ganzen Besitz. Nicht wenige erleiden dieses Schicksal öfter als einmal. Das Dach der Kapelle wird mehrere Male zerstört, doch kann es durch die unverdrossene Bereitwilligkeit vieler Mitglieder immer wieder hergestellt werden. Im Jahresbericht von 1944 heißt es:

"Sehr nahe ging der Todesengel an der Bismarckstraße 40 vorüber, als am 30. Januar drei schwere Bomben in allernächster Nähe fielen. Die Häuser Richard-Wagner-Str. 3, 5 und 7 wurden dabei fast völlig zerstört, im Luftschutzraum wurden dort 69 Personen verschüttet, von denen 46 nur als Leichen geborgen werden konnten. Das sofort ausbrechende Feuer drohte auch auf unsere Gebäude überzugreifen, so daß die Wohnungen von Schwester Friederike und Geschwister Wank geräumt werden mußten, doch konnte der Brand lokalisiert werden. Durch den Luftdruck wurden aber Dach und Gewölbe der Friedenskapelle so schwer beschädigt, daß der Raum nicht mehr benutzt werden durfte und bei einem neuen schweren Angriff am 15. Februar stürzte das Gewölbe völlig ein. Fleißige Hände haben schon kurze Zeit danach den Schutt beseitigt und das Gestühl aus der Mitte unter den erhalten gebliebenen Emporen in Sicherheit gebracht, um es vor gänzlichem Verfall zu schützen."

Trotzdem kann am Pfingstgottesdienst bei strahlendem Sonnenschein ein Taufgottesdienst "unter freiem Himmel" gefeiert werden. Ansonsten werden die Versammlungen der Gemeinde im Gemeindesaal und dem an die Kapelle angrenzenden Predigerzimmer abgehalten, die unzerstört geblieben sind, und wo man auch noch der Evangelischen Gemeinschaft Gastrecht gewährt, nachdem ihr Versammlungsraum in der Kaiser-Friedrich-Straße zerstört wurde. Auch die Adventistengemeinde kommt eine Zeit lang in diesen Räumen zusammen. Nach wochenlangen Straßenkämpfen in Berlin, bei denen das von Bomben unversehrt gebliebene Wohnhaus beinahe noch durch Beschießung dem Feuer zum Opfer fällt, wird am 2. Mai 1945 der Waffenstillstand geschlossen und die sowjetische Rote Armee besetzt die Stadt.

Der letzte Gottesdienst vor dem Abkommen muß am 29. April aufgrund der anhaltenden Kämpfe im Hauskeller abgehalten werden, wo man bei fast pausenlosem Einschlagen der Granaten betet. Neben den an der Front Gefallenen beklagt man auch Mitglieder und bewährte Mitarbeiter, die noch während der letzten Tage des Krieges als Zivilisten in den Unruhen getötet wurden. Die Kriegsverluste der Gemeinde bestanden allerdings nicht nur in den Toten und Vermißten, die man beklagte, oder den inneren Verlusten an Vertrauen und Glauben "in die Obrigkeit", die nicht meßbar sind. Zum Teil waren Mitglieder der Gemeinde evakuiert worden und sind nicht zurückgekehrt. Nicht wenige mußten an auswärtige Gemeinden überwiesen werden. Doch das Gemeindeleben beginnt sich trotz aller Verluste und nachwirkenden Schrecken langsam wieder zu normalisieren. Bereits ab Juli finden wieder sonntäglich zwei Gottesdienste statt.

Nachdem der Westen Berlins von britischen und amerikanischen Truppen besetzt wird, kann kurz danach in der noch zerstörten Friedenskapelle eine denkwürdige Taufe stattfinden. Ein baptistischer Kaplan der amerikanischen Besatzungstruppen tauft einen jungen Offizier, der sich in den letzten Kriegstagen bekehrt hat. Man mag das als ein Hoffnungszeichen sehen, daß trotz menschenverachtender Zerstörung und allem inneren und äußeren Zerbruch, den das Dritte Reich verursacht hat, Zukunft und Versöhnung ermöglicht werden.

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