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Chronik Kapitel


In eigenen Mauern 1920-1929

Im Jahre 1920 erwirbt die Gemeinde das Grundstück Bismarckstraße 40, das im Herzen von Charlottenburg an einer der Prachtstraßen des Berliner Westens gelegen ist. Der Kaufpreis für die Wohngebäude und die im zweiten Hinterhof gelegene Kapelle beträgt rund eine halbe Million Mark, was zunächst erschreckt, dann aber bald angesichts der sich bietenden Chance, in eigenen Mauern die Gemeindearbeit fortzusetzen, zu allgemeiner Begeisterung und Opferbereitschaft führt.

Die Kapelle mitsamt der Wohngebäude war im Jahre 1898 auf dem damaligen Grundstück Bismarckstraße 35 von einem Herrn Ludwig Rennow gebaut worden, einem Mitglied der Katholisch-apostolischen Gemeinde, der die Kapelle auch an diese vermietete. Manche ältere Veröffentlichungen der Baptistengemeinde Berlin-Charlottenburg geben irrtümlicherweise die Neuapostolische Gemeinde als Erbauer an. Nachdem Herr Rennow das Grundstück 1907 an einen Herrn Friedrich Böttger verkaufte, wurde die Miete so angehoben, daß sie für die Katholisch-apostolische Gemeinde finanziell nicht mehr tragbar war. Daraufhin vermietete der neue Besitzer die Kapelle zunächst von 1908 bis 1918 an eine Gruppe der jüdischen Gemeinde, der sie als Synagoge diente, während Herr Rennow für die Katholisch-apostolische Gemeinde in der Goethestraße 26, Ecke Weimarer Straße eine neue Kapelle bauen ließ.

Später wurde die Pfingstgemeinde "Eben Ezer" Mieter in der Bismarckstraße 40, die zur Zeit des Erwerbs durch die Baptistengemeinde Charlottenburg noch einen laufenden Mietvertrag für die Kapelle hat.

So muß man sich zunächst noch in Geduld üben, bis mit dem notwendigen Umbau im Juli 1921 begonnen werden kann: die drei Emporen werden neu aufgebaut, eine "elektrische Lichtanlage" geschaffen, das Taufbecken mit anliegenden Umkleideräumen eingebaut, die Mauern trockengelegt und der Neuanstrich fertiggestellt. Auch wird beschlossen, den Bau einer Orgel in Auftrag zu geben. Diese kann allerdings erst im Februar 1923 in Betrieb genommen werden, und auch nur mit gedämpfter Freude, da ihr Bau bis dahin mehr als das Doppelte der ursprünglich dafür geplanten Kosten von 30.000,- Mark verschlungen hat.

Am 2. Oktober 1921 findet aber bereits die lang ersehnte Einweihung der "Friedenskapelle" statt, die diese Bezeichnung durch einstimmigen Gemeindebeschluß erhielt. Es können rund eintausend Anwesende zu dieser Feierlichkeit begrüßt werden, welche sich in der und um die neue Kapelle drängen, die "nur" 700 Sitzplätze hat. Dies soll allerdings in diesem Jahr nicht das einzige Fest im neuen Haus bleiben. In zwei Taufgottesdiensten, bei denen insgesamt 47 Menschen in die Gemeinde aufgenommen werden, kann das neu angelegte Taufbecken praktisch erprobt werden. Die Gemeindearbeit scheint am neuen Standort zu florieren, obwohl manche Entwicklungen und Veränderungen anderes vermuten ließen. Trotz der Tatsache, daß in den Jahren 1922 bis 1927 einige der langjährigen, ehrenamtlichen Mitarbeiter der Gemeinde in leitenden Funktionen ihre Ämter der nachfolgenden Generation zur Verfügung stellen, bleibt Kontinuität im Gemeindeleben gewahrt. Auch die Inflation, die im Jahre 1923 ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht, wirkt sich nicht nachteilig auf die wirtschaftliche Lage der Gemeinde aus. Im Gegenteil - in diesem Jahr können sogar Belastungen getilgt werden, die vor der Inflation fast 70.000,- Mark betrugen.

So steht das 25-jährige Gemeindejubiläum unter durchaus positivem Vorzeichen. "In reich gesegneten Festversammlungen", schreibt Otto Muske in Erinnerung an das Jubiläum, "gedachten wir der Güte des Herrn, der uns wie auf Adlers Flügeln getragen, der uns aus kleinen Anfängen in ruhiger Entwicklung erstarken ließ, der uns solch wertvolles eigenes Heim geschenkt und uns viele Möglichkeiten zu einer kraftvollen Entfaltung gegeben hat." In den 25 Jahren ihres Bestehens ist die Gemeinde von 51 Mitgliedern auf 494 Mitglieder angewachsen.

Es wäre allerdings ein Vortäuschen falscher Tatsachen, würde man dieses Wachstum ausschließlich dem missionarischen Eifer der Charlottenburger Baptisten zuschreiben. Immer wieder ist es vorgekommen, daß sich Gruppen aus anderen Baptistengemeinden oder kleineren Gemeinschaften der Baptistengemeinde in Charlottenburg anschließen wollten. So erklärt es sich auch, daß in den Statistiken der ersten Jahrzehnte die Zahl der Aufnahmen "durch Zeugnis" zum Teil die Zahl der Aufnahmen "durch Taufe" weit übersteigt. Im Jahr 1924 wird auf eigenen Wunsch hin eine "Missionsgemeinde" in der Düsseldorfer Straße als weitere Stationsgemeinde in Wilmersdorf übernommen, die sich aber bereits nach drei Jahren schon wieder aufgrund unterschiedlicher Lehrüberzeugungen trennt. Auch schließen sich im folgenden Jahr eine Anzahl Mitglieder der Baptistengemeinde "Bethania", Berlin-Moabit, in Charlottenburg an, sowie 32 getaufte Mitglieder der "Gemeinschaft Lützowstraße 93", die als neue Station anerkannt wird. Allerdings währt die neue Zusammenarbeit mit der letztgenannten Gruppe nicht lange, da bereits im selben Jahr ein früherer Prediger der Gemeinschaft zurückkehrt und in der jungen Stationsgemeinde in einer Weise tätig wird, daß eine einvernehmliche Arbeit nicht mehr gewährleistet scheint.

Neben allen positiven Entwicklungen im Gemeindeleben dieser Jahre gibt es allerdings auch interne Schwierigkeiten, die nicht verschwiegen werden. Äußeres Wachstum läßt nicht immer auf uneingeschränkte, innere Gesundheit schließen. Schließlich kann man auch annehmen, daß die Kauf- und Umbauphase mit ihren schwerwiegenden Entscheidungen nicht ohne Spannungen verlaufen ist, auch wenn es im Jahresbericht von 1920/21 heißt, "daß alle Entscheidungen von so schwerwiegender Art im Geiste des Friedens und der Brüderlichkeit getroffen wurden". So weist der Älteste der Gemeinde, August Reck, in einer Vorstandssitzung am 14. August 1923 warnend auf "Ernstes unserer Zeit" hin und bittet, "in Liebe und Einigkeit zusammenzustehen und so das von Gott anvertraute Werk in Treue zu verrichten". Er spricht offen Differenzen an, die zwischen Mitgliedern der Leitung der Gemeinde bestehen und einer effektiven Arbeit im Weg stehen, und bittet um klärende Gespräche, welche dann auch geführt werden.

Probleme gibt es unter anderem auch zwischen den Generationen. 1925 wird die von der Jugendgruppe selbst gewählte Leitung vom Vorstand der Gemeinde nicht anerkannt, und es wird ein Mitglied des Vorstandes als kommissarischer Leiter eingesetzt, bis eine Neuwahl durchgeführt werden kann. In Protokollen wird außerdem über Interesselosigkeit in Bezug auf Gemeindeversammlungen und Abendmahlsfeiern geklagt.

Eine einschneidende Veränderung im Gemeindeleben bringt das Jahr 1926. Der langjährige Prediger der Gemeinde, Otto Muske, nimmt nach fast sechzehn Jahren in Berlin-Charlottenburg einen Dienstwechsel nach Bremen vor. Der Abschied nach langer und guter Zusammenarbeit zwischen Prediger und Gemeinde fällt schwer. Jedoch kann fast unmittelbar nach Otto Muskes Verabschiedung im September sein Nachfolger, Dr. Hans Luckey, der bis dahin Prediger der Baptistengemeinde Königsberg-Salzastraße war, im November begrüßt werden. Betrachtet man die Gemeindestatistik des folgenden Jahres, so kann man zu dem Schluß kommen, daß der Predigerwechsel - auch wenn er von den meisten Mitgliedern der Gemeinde als schmerzlich empfunden wurde - zunächst einen weiteren Aufschwung im Gemeindeleben bringt. Alle Gemeindegruppen, heißt es im Jahresbericht von 1927, entwickeln "eine gesegnete Tätigkeit", und 62 zumeist junge Menschen werden in diesem Jahr getauft.

Die Gemeinde hat nun eine Mitgliederzahl erreicht, die eine Betreuung durch den Prediger allein immer mehr erschwert. Um hier Abhilfe zu schaffen und auch die Versorgung der alten und kranken Mitglieder der Gemeinde zu gewährleisten, entscheidet man sich, zusätzlich zum Prediger eine Diakonisse als Gemeindeschwester anzustellen. Im März 1927 wird Schwester Ulrike Fritsch vom Diakonissenhaus "Bethel" in ihren Dienst eingeführt. Sie sorgt für eine kontinuierliche Versorgung der Bedürftigen, auch als die Gemeinde bald wieder einmal vor der Frage eines Predigerwechsels steht. Dr. Hans Luckey nimmt im Frühjahr 1929 die Berufung als Lehrer an das "Predigerseminar", der theologischen Ausbildungsstätte der deutschen Baptistengemeinden in Hamburg, an. Im Laufe seiner dortigen vierzigjährigen Tätigkeit wird er zum prägenden Theologen der vierten Generation des deutschen Baptismus.

Wieder ist die predigerlose Zeit für die Gemeinde relativ kurz. Im Oktober 1929 beginnt Samuel Link aus Tübingen seinen Dienst in Berlin-Charlottenburg. Er wird die Gemein¬de in ein Jahrzehnt führen, das nicht nur in politischer Hinsicht stürmisch werden wird. Die Herausforderungen der politischen Situation in Deutschland bahnen sich an, als die Gemeinde 1929 vor der Frage steht, die Partei des "Christlich-Sozialen-Volksdienstes" (CSVD) zu unterstützen, eine Absplitterung der Deutsch Nationalen, zu der verschiedene Baptisten Kontakt haben, darunter auch der spätere Direktor des Bundes der deutschen Baptistengemeinden, Paul Schmidt, der den CSVD von 1930 bis 1932 als Reichstagsabgeordneter vertritt. Aufgrund seines Bekenntnisses zu sogenannten "christlichen Grundsätzen", seiner konservativen Kulturpolitik und seines moralischen Anspruchs stehen viele Mitglieder unterschiedlicher Freikirchen dem CSVD positiv gegenüber.

Andrea Strübind stellt in ihrer Untersuchung über die Geschichte des Baptismus im "Dritten Reich" fest:

"Wieweit die Sympathie für den CSVD in baptistischen Kreisen reichte, zeigte die Bundeskonferenz 1930 in Königsberg, auf der Schmidt nicht nur einen programmatischen Vortrag zur Stellung der Gemeinde im Staatsleben hielt, sondern auch eine nachdrückliche Wahlrede für den CSVD. In dieser Rede kritisierte er die 'Weltabgewandheit' der Christen und fordert sie auf, ihre politische Verantwortung zu erkennen und wahrzunehmen" (Die Unfreie Freikirche, 54).

In Charlottenburg verhallt Paul Schmidts leidenschaftlicher Aufruf jedoch - wenn auch nicht ungehört, so doch unbefolgt - und der Gemeindevorstand entscheidet sich gegen eine Unterstützung der Partei.
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