Katarina Niewiedzial und Derviş Hızarcı

Talkabend zu Stigmatisierung oder Selbstermächtigung? "Aktionswoche gegen Rassismus" 

Stigmatisierung oder Selbstermächtigung? Wege zu mehr Teilhabe

Pastor Hendrik Kissel von der Friedenskirche (Charlottenburg) ging in seiner Begrüßung auf die wechselvolle Geschichte der Kirche ein, die auch schon als Synagoge diente, und erläuterte die aktuelle Dekoration. Denn seit wenigen Wochen bietet die Friedenskirche pädagogisch wertvolle Führungen für Schulkinder durch den eigenen “Ostergarten” an. Michael Bäumer vom Berliner Forum der Religionen erhoffte sich mit Bezug zum Motto der Aktionswochen “Misch dich ein”, dass sich durch die Veranstaltung alle Anwesenden zur Mitwirkung an der Verbesserung der gesellschaftlichen Umstände inspiriert fühlen.

“Wie haben Sie die Debatte um die Silvesterereignisse wahrgenommen?”, lautete die erste Frage an Katarina Niewiedzial bei der Podiumsdiskussion Stigmatisierung oder Selbstermächtigung? Wege zu mehr Teilhabe am 22.03.2023 in der Friedenskirche Charlottenburg. Mit Verweis auf die Gipfel gegen Jugendgewalt am 11. Januar und 22. Februar 2023 stellte sie fest, dass dort die Diskussion endlich verasachlicht wurde. Wurde zuvor beispielsweise Perspektivlosigkeit gar nicht thematisiert, wurde jetzt doch erkannt, dass es sich um unsere Jugendlichen und damit auch um unsere Probleme handelt.

Die Debatte um Nennung von Vornamen der Tatverdächtigen hat Dervis Hizarci als rassistisch wahrgenommen. Niemand frage, warum die Jugendlichen so sind. Dabei geschehe Andermachung bereits häufig in der Schule.

Diese Art von Stigmatisierung nimmt auch Katarina Niewiedzial wahr. Zugleich sieht sie aber auch eine starke Zivilgesellschaft, die sich der Polarisierung entgegensetzt. Communityarbeit sei hier sehr wichtig. In Berlin haben 38% der Einwohner:innen einen Migrationshintergrund. Auch diese Menschen müssen den Staat repräsentieren, weil das Zugehörigkeit und Sichtbarkeit schafft. Ein Stigma bleibe hängen und hinterlasse Spuren, ergänzte Dervis Hizarci. An Schule gebe es viel Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus. Lehrkräfte haben eine große Verantwortung, können sich aber der Wirkung von Polarisierung nicht immer widersetzen. Eine Reduzierung der Identität auf ein Merkmal sei auch ihm schon widerfahren. Als 2020 der französische Lehrer Samuel Paty von einem Islamisten enthauptet wurde, sei er um Stellungnahme als Muslim gebeten worden und nicht in seinem Beruf als Lehrer.

Eine Öffnung der Institutionen sei also angeraten und dabei spielen Schulen eine große Rolle, fasst Moderator Reinhard Fischer zusammen.

Der Zugang zu Gruppen über Religonsgemeinschaften sei “super”, betonte Katarina Niewiedzial. Fernab der Heimat können viele Menschen dort ihre Identität finden. Religionsgemeinschaften sollten sich allerdings stärker gegenseitig unterstützen, zum Beispiel bei der Suche nach Bestattungsmöglichkeiten. Auch die Diskriminierung und Stigmatisierung von Muslim:innen sollte anderen Religionsgemeinschaften nahegehen. In Berlin gibt es bereits die Expertenkommission Antimuslimischer Rassismus und das Landesantidiskriminierungsgesetz (LADG). Das alles sei aber noch nicht genug. Empowerment und Solidarität unter den Religionsgemeinschaften seien notwendig. Tatsächlich packen Religionsgemeinschaften aber an, wenn es brisant wird, ergänzte Dervis Hizarci.

Was können Religionsgemeinschaften tun, wenn die mediale Aufmerksamkeit sich nur auf bestimmte Aspekte fokussiert? Der Neujahrsputz der Jugendlichen der Khadija Moschee beispielsweise wird nur ein wenig wahrgenommen.

Der Kampf gegen das Dogma der Neutralität sei wichtig, hieß es aus dem Publikum. Grundsätzlich trage das Berliner Forum der Religionen zur Klimaverbesserung bei. Religionen müssten aber stärker in Vielfaltsthemen eingebracht werden.

Indra Bahia wies auf die vom Berliner Forum der Religionen in Kooperation mit ADAS/ Life e.V. angebotene Qualifizierung zum:r Diversity-Trainer:in „Religiöse und weltanschauliche Vielfalt an Schulen gestalten“ hin und die daran anschließenden Fortbildungsgeinsätze an Schulen. Eine verpflichtende Fortbildung erscheint dem Podium jedoch nicht umsetzbar.

Community Organizing und die Begegnung vor Ort seien ungemein wichtig. Wenn hier alle (Teil-)Gruppen an einen Tisch geholt werden, können populistische Ideen auch dekonstruiert werden.

In ihrem Schlusswort reihte Katarina Niewiedzial drei Bitten aneinander: 1) Bildungspolitik auf migrantische Gemeinschaften ausrichten, 2) Kopftuchtragende Lehrerinnen zum Unterricht zulassen und 3) Schulen sollten miteinander sprechen und sich öffnen. Dervis Hizarci stimmte dem zu, wenngleich er mit seinem “Restoptimismus” anfügte: “Wir müssen überall ansetzen”.

 

Noch lange nach Beendigung der Podiumsdiskussion fand ein reger Austausch des Publikums statt. Bildung, Schule und Solidarität waren passende Themen für die diesjährigen Aktionswochen gegen Rassismus in Charlottenburg-Wilmersdorf.

 

Ein großer Dank geht an Reinhard Fischer (Berliner Landeszentrale für politische Bildung) für die fachkundige Moderation und die beiden Referent:innen für die sachlichen und teils privaten Stellungnahmen!

 

Die Veranstaltung wurde gefördert durch Senatsverwaltung für Kultur und Europa und das Demokratiebüro Charlottenburg-