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Der Maler des Wandbildes ist am 7. September 2026 verstorben. Im Gottesdienst am 13. September wurde in der Friedenskirche seiner gedacht; die Beisetzung findet am 14. September statt.
Zeitungsartikel vom Freitag, den 11.09.2026
Seit Januar 2009 schmückt das rund 80 Quadratmeter große Wandbild „Friedensbewegung" den Apsisbereich der Friedenskirche. Seit 2024 hängen zudem im Eingangsbereich links und rechts zwei Bilder, die zuvor in der Baptistenkirche in Berlin-Wedding zu sehen waren. Seit 2025 ist im Gemeindesaal ein abstraktes Werk zu sehen, das früher als Altarbild in einer Kirche in Grünberg (Hessen) diente. Weitere Gemälde des Künstlers hängen im Kirchenbüro.
Geschaffen wurden alle diese Werke von Helmut Kissel, Jahrgang 1929, der im Ruhestand als Pastor wirkte und zugleich als Maler tätig war. Helmut Kissel war der Friedenskirche eng verbunden – nicht nur, weil sein Sohn Hendrik Kissel heute als Pastor in der Gemeinde tätig ist, sondern auch durch persönliche Beziehungen zu vielen einzelnen Gemeindemitgliedern über die Jahre. Seine Bilder erinnern in der Friedenskirche weiterhin an sein künstlerisches Schaffen und seine Verbundenheit mit der Gemeinde.
Das Wandbild in der Friedenskirche und das doppleseitige Bild im Eingangsbereich, Foyer
Nachruf
Bad Tölz verliert seinen fleißigsten Leserbriefschreiber Pfarrer, Alpenvereins-Wanderführer: Helmut Kissel starb im Alter von 97 Jahren Maler,
Helmut Kissel, geboren am 20. Juni 1929 in Mannheim als Sohn eines Architekten und einer Apothekerin, ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Der baptistische Geistliche, Kunstmaler und
Buchillustrator war bekannt für seine geistlichen Monumentalgemälde und seine Bilder zur Bibel –und wohl der Tölzer Bürger, der am häufigsten Leserbriefe schrieb. Über Jahre schickte er nahezu wöchentlich einen Leserbrief an die örtliche Tageszeitung, aus denen sich mancher Schriftwechsel und manche Diskussion im gesamten bayrischen Raum entwickelten. Leserbriefe waren es so viele, dass die Redaktion ihm irgendwann sagen musste, nicht jeden jede Woche abdrucken zu können. Jemand anderes in der Redaktion entzifferte später seine Handschrift, als er dann mit dem Computer nicht mehr zurechtkam. Heute, würde man sagen, nahm er die Rolle vorweg, die später Facebook-Insta-Kommentare übernahmen. Dabei blieb es nicht bei der Zeitung: Auch an Politiker im gesamten Bundesgebiet schrieb er zahlreiche Briefe, auf die er vielfach Antwort erhielt.
Er starb am 7.September 2026, rechnerisch genau auf den Monat 25 Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau Rita Charlotta, einer Tochter des Kunstmalers Hans von Linprun aus Garmisch-Partenkirchen, die er zuvor in München kennengelernt hatte und die am 13. September 2001 gestorben war. Er hinterlässt seine zweite Frau, Ingrid Kissel. Die Beerdigung findet am 14.September um 10:30 Uhr auf dem Bad Tölzer Friedhof statt. Kissel war durch seine Holocaust-Gedenkarbeit, den Alpenverein (Ehrenmitglied und ab dem Ruhestand viele Jahre Bergwanderführer), seine Kunst und seine fast wöchentlich abgedruckten Leserbriefe, eine Institution in Bad Tölz.
In seinen letzten Lebensjahren war er im Tölzer Stadtbild eine feste Größe. Fast täglich ging er, meist gemeinsam mit seiner Frau Ingrid, ins Kolberbräu – man brachte ihm dort, ohne dass er
bestellen musste, sein Essen, meist Fisch, an den Tisch. Anschließend ging es, in abwechselnden Phasen, ins Café nebenan zur „heißen Schokolade mit Gebäck" oder alternativ ins Café gegenüber. Bis vor zwei Jahren überquerte das Paar dafür noch regelmäßig die Isar; bis vor drei Jahren ging es auf der anderen Seite sogar noch zum kroatischen Restaurant im Kurviertel hinauf, aß dort - wie kann es anders sein ! - Fisch und kehrte zurück – Zwischenstopp im Cafe an der Isarbrücke. Alles mit dem Rollator.
Seine letzten Jahre verbrachte er in der zentralen Marktstraße (Fußgängerzone); zuvor hatte er lange in einem Haus mit Garten in der Brünnlfeldstraße gelebt, das vielen als offenes Haus und Treffpunkt diente.
Zur Malerei fand er schon früh, gefördert durch Besuche der Kunsthalle Mannheim mit seinem Onkel Franz Kissel; prägende Eindrücke hinterließen dort unter anderem Oskar Kokoschka, James Ensor und Karl Hofer. Ab 1947 erhielt er ersten Kunstunterricht bei dem Mannheimer Kunstprofessor Walter Eimer.
Zum christlichen Glauben fand er über einen ungewöhnlichen Umweg. Als junger Kriegsgefangener und zu dieser Zeit noch überzeugter Nationalsozialist begann er, die hauchdünnen ibelseiten zu lesen, die Mitgefangene eigentlich als Zigarettenpapier nutzten. Aus dem Lesen entstand ein Gebet: Wenn es Gott gebe - auch für ihn als Nazi, solle er zu seinem sechzehnten Geburtstag freikommen. Tatsächlich wurde er – belegt durch sein Entlassungspapier der Alliierten – genau an diesem Tag aus der Kriegsgefangenschaft in Österreich entlassen. Für ihn war das ein erster Schritt im Glauben und beeinflusste seine christliche Lebenshaltung: "Einfach nur Gnade und lebenslang Danken". Zu den Baptisten fand er später über seine Arbeit im Bergwerk „unter Tage". Im Schacht "Herten" tief unter der Erde rettete vor allem ihm und einem „Kumpel" ein Lorenpferd in letzter Sekunde das Leben. DerKumpel kam aus der aptistengemeinde, und Kissel ließ sich in der Freikirche taufen. Zur Überzeugung, sich bewusst als mündiger Mensch taufen zu lassen, gelangte er bereits schon früher durch das Studium der Theologie Karl Barths. Es fehlte nur die praktizierende Kirche.
Sein Theologiestudium führte ihn nach Bonn, Heidelberg und an die Berliner Humboldt-Universität, wo er unter anderem Vorlesungen noch bei Martin Niemöller sowie den bekannten Alttestamentlern Martin Noth und prägenden Gerhard von Rad besuchte und als ASTA-Vertreter und später Vertrauensstudent den Aufstand des 17. Juni 1953 in Ost-Berlin miterlebte. Als erster „wiedergetaufter" Student war er dort über lange Zeit Ziel von Diffamierung, immer wieder Thema in den Morgenandachten, und wurde wegen seiner Taufe mehrfach an der kirchlichen Hochschule und von Kirchenämtern sowie Dozenten vorgeladen. In dieser Zeit gründete er zudem die Studentenmission in Berlin – wovon er selbst nie erzählte, bescheiden wie er war; die Gründungsurkunde fanden seine Kinder erst nach seinem Tod in seinem Nachlass. 1956 schloss er das Studium ab. 1957 begann er ein Kunststudium an der Akademie der Bildenden Künste München, wurde bei den weihnachtlichen Malwettbewerben der Akademie 1958, 1960, 1961 und 1962 ausgezeichnet und erhielt 1961 den zweiten Akademiepreis. Von 1960 bis 1963 war er als Stipendiat des Landes Bayern, mit eigenem Atelier, Meisterschüler bei Professor Hermann Kaspar.
Als Pastor evangelisch-freikirchlicher Gemeinden i.D. wirkte er anschließend ab 1963 in Jever (Niedersachsen), ab 1968 in Soest (Nordrhein-Westfalen), ab 1976 in Gießen (Hessen) – wo die
Familie einen fünften Sohn adoptierte – und schließlich ab 1984 in Bad Tölz, wo er 1993 in den Ruhestand ging.
Als Theologe war Kissel streitbar – doch ging es ihm dabei nie um den Streit selbst, sondern betonte immer im Dialog die grundlegenden Gemeinsamkeiten des christlichen Glaubens. Die Ökumene war ihm zeitlebens ein wichtiges Anliegen. Seine Baptistengemeinde gehörte durch ihn zugleich zwei Freikirchenbünden an: dem Bund Freier Evangelischer Gemeinden und dem Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden. Dies sorgte nicht für Begeisterung auf "höheren Ebenen" - er wurde in der "Zentrale" der Baptisten in Bad Homburg vorzitiert. Er selbst warb offen für Fusionen, die Trennungen zu überwinden: Warum sollten zwei kleine Kirchen nebeneinander bestehen, wenn sie sich zusammentun und die Konkurrenz aufgeben könnten?
Im Ruhestand widmete er sich noch mehr der Kunst:
Es entstanden mehrere Bilder-Zyklen zu biblischen Themen, ausgestellt in Kirchen und Gemeindezentren, sowie von 1999 bis 2011 mehrere Monumentalbilder – darunter das 120 Quadratmeter große Wandgemälde in der Baptistenkirche Wedding (1999), ein 80 Quadratmeter großes Wandgemälde in der Friedenskirche Charlottenburg (2009) und ein Altarbild in der Stadtmission Grünberg, Hessen (2011).
Für Kissel waren Predigt und Bild zwei Seiten derselben Verkündigung: Mit seinen Werken predigte er gewissermaßen in zahlreichen Kirchen, und nahezu seine gesamte Gemeindearbeit begleitete er über die Jahre illustrierend. Seine Werke wurden unter anderem im Kloster Benediktbeuern, in der Bamberger Erlöserkirche und im Kloster Astori in Mogliano Veneto, Italien, gezeigt. Seine Bilder sind weiterhin unter www.helmut-kissel.de zu sehen. Zeit seines Lebens verband er die Malerei mit seiner Liebe zu den Bergen: Er war aktiv im Deutschen Alpenverein und leitete dort über viele Jahre die Bergwandertouren für Senioren im Tölzer Land.In seiner letzten Lebensphase konnte er sich von all seinen fünf Kindern und deren Angehörigen sowie von allen zehn Enkelkindern verabschieden. Auch ehemalige Pflegekräfte und andere Weggefährten kamen oder telefonierten rechtzeitig, um sich von ihm zu verabschieden. Zwei Versprechungen hatte er sich betreffend seines Ablebens erbeten: "Nicht ins Heim" und den Abschied durch die Familie gestaltet. Dabei ausschließlich und viele Loblieder – eben vor allem eine christliche Beerdigung, „die nie Traurigkeit feiert, sondern den Auferstandenen!”
Abschiedsgottesdienst
Der Abschiedsgottesdienst fand am 14. September um 10:30 Uhr auf dem Bad Tölzer Friedhof statt, musikalisch begleitet mit Bass, Klavier, E-Gitarre und Gesang und von seiner Familie gestaltet – ein christliches Fest, bei dem die Trauer auch, aber nicht nur, ernst genommen wird.

